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01.02.2017

Die Arbeit des Wahnsinns


Jan Bosse. Der Star-Regisseur transferiert im Akademietheater Thomas Melles gefeiertes Protokoll seines manischen Irrsinns „Die Welt im Rücken“ auf die Bühne.
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Eigentlich wollte Jan Bosse „Bouvard und Pécuchet“ inszenieren, Gustave Flauberts 1881 posthum veröffentlichten, unvollendeten Schelmenroman, doch dann erschien im letzten Sommer während der Vorbereitungen zur geplanten Dramatisierung der Abenteuer zweier Pariser Büroangestellten Thomas Melles „Die Welt im Rücken“, erregte großes Aufsehen und landete auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. „Joachim Meyerhoff und ich lasen es privat in den Sommerferien“, erzählt Jan Bosse, „und tauschten unsere Begeisterung aus: Das ist reine Gegenwart! Was für ein Stoff! Was für eine Sprache! Da geht’s wirklich unmittelbar um uns und unsre Gegenwart! Das wär’ doch großartig, das auf die Bühne zu bringen! Ich fragte beim Verlag und bei Thomas Melle nach, plötzlich hatten wir die Chance. Manchmal muss Theater schnell reagieren.“
Und so kam es, dass jetzt am 3. März im Akademietheater nicht Flauberts Klassiker, sondern Thomas Melles fulminantes Buch über seine manisch-depressive Erkrankung auf dem Programm steht. Der Autor wurde mit „Die Welt im Rücken“ bis zur Preisverleihung am 17. Oktober in Frankfurt sogar als Favorit für den Deutschen Buchpreis 2016 gehandelt, obwohl es sich nicht um einen Roman handelt. Es handelt sich um die schonungslose Chronik einer bipolaren Störung, die der 1975 in Bonn geborene Thomas Melle lieber mit dem guten alten Begriff manisch-depressiv bezeichnet haben möchte – zuerst kommt der manische Schub und dann die Depression, die „völlige Verzweiflung“. Die Bezeichnung bipolare Störung dagegen kaschiert das Desaster, dämpft den „wahren, katastrophalen Gehalt des Begriffs“ ab.
Deshalb kann man hier auch keineswegs nur von einem Krankenbericht sprechen, sondern Thomas Melle hat das atemberaubende Journal eines „zerstörerischen Kriegs“ geschrieben, der in ihm zwischen Manie und Depression tobte. Ein Krieg, der zunächst den Versuch des Studenten Melle vernichtet, einen „Bildungsroman“ zu leben, den „kleinbürgerlichen und zerrütteten Verhältnissen“ zu entrinnen, aus denen er stammt, und gleichzeitig den ultimativen Roman der Gegenwart zu schreiben. Stattdessen stürzt er in manische Wahnexzesse „begleitet von paranoiden Psychosen“, meint Sex mit Madonna gehabt zu haben und sieht Thomas Bernhard im McDonald’s des Wuppertaler Bahnhofs sitzen. Er wird von seinen bestürzten Freunden in die Psychiatrie eingeliefert und verfällt im Gegenzug in zähe, qualvolle Depressionen.
Thomas Melle ist mittlerweile auch der Autor vielgespielter Stücke, also auch in der Theaterszene ein Begriff, in der er im Verlauf seiner Krankheit ebenfalls einiges zerbrochenes Porzellan hinterlassen hat. So hat er, wie er selber erzählt, Matthias Lilienthal, dem jetzigen Intendanten der Münchner Kammerspiele, einmal die Brille vom Gesicht gehaut. Doch Jan Bosse hat keine bestürzenden Erlebnisse mit ihm zu berichten. Er kennt nur „ein paar Geschichten über ihn, eher schräge -Anekdoten, die in der Theaterwelt dazugehören. Ich habe ihn kürzlich persönlich kennengelernt. Ein wunderbarer und kluger Zeitgenosse.“ Thomas Melle schreibt zu Beginn seines Buches: „Ich bin zu einer Gestalt aus Gerüchten und Geschichten geworden“, und sein Vorsatz lautet, sich seine eigene Geschichte zurückzuerobern. Am Schluss muss er einräumen, dass sein Versuch, „eine halbwegs bürgerliche Existenz zu führen, auf alle Zeiten gescheitert scheint“. Denn seine manischen Aktivitäten, wenn er zum Troll wurde, verfolgen ihn bis heute, und er steht immer noch im Ruf, ein „Irrer, ein Fanatiker, ein Gefährlicher, sogar ein Stalker“ zu sein. Interessant findet Jan Bosse dabei, „wie wichtig und auch heikel der Ruf eines Menschen ist, das Bild, das man für andere abgibt, nicht nur als Künstler, vielleicht sogar in anderen Berufen noch existenzieller. Ein einziger Makel kann reichen, und du bist draußen.“
Thomas Melle war nach dem ersten Mal total geschockt „vom Einschlag des Irrsinns“ in seine Existenz, von der „Zerstörungskraft“, die geeignet war, das Ich, das Selbst zu verlieren, Ruf und Leben zu ruinieren. Er musste zur Kenntnis nehmen, dass sein Selbst im Neuronenfeuerwerk verglühen, dass sein Hirn „herrenlos“ davonstürzen kann, dass er medizinisch ausgedrückt, an der besonders drastischen Form von Bipolar I erkrankt war, das, was man früher „manisch-depressives Irresein“ nannte. Er hat bislang, schreibt er, drei Schübe durchgestanden, die sich in der Dauer gesteigert haben: „1999 waren es drei Monate, 2006 ein Jahr, 2010 sogar fast anderthalb Jahre.“ Mit den entsprechenden Psychiatrie-Aufenthalten, Depressionen danach und Selbstmordversuchen. Die Krankheit, schreibt Melle mit cooler Akkuratesse, manifestiert sich „in bizarr verändertem Erleben und Verhalten: Das Gefühlsleben gerät außer Rand und Band ... Die Enthemmung wütet in allen Bereichen: Sexuell neigt der Maniker zur Ausschweifung, intellektuell zur Verstiegenheit, emotional zu extremen Schwankungen.“ Melle sah sich als „Experiment der Menschheit, der lang erwartete Messias“, der gekommen ist, um „allen Religionen den -Garaus“ zu machen.
Im Rückblick kann sich Thomas Melle auch das erschreckende Außenbild vorstellen, das er abgegeben hat: „Ein begeisterungsfähiger, aber auch introvertierter Charakter explodierte plötzlich in tausend Albernheiten, warf mit hirnverbrannten Hypothesen nur so um sich, stürzte von einer Seltsamkeit in die nächste, nach innen abgeriegelt, nicht mehr erreichbar, um äußerlich umso präsenter abzugehen.“ Es war für Freunde und die Familie eine „blanke Tragödie“, die für Melle mit dem kompletten Ruin endete. Tatsächlich stand er nach dem dritten Schub ohne Wohnung und ohne Konto da, mit Prozessen und Schulden am Hals, die er nicht bezahlen konnte, er steckte in der „Sozialfalle“ samt Schuldenberg, Mahnungen, Drohungen, Inkassobriefen und Vollstreckungsbescheiden.
Ganz nebenbei und darauf hat die Jury des Deutschen Buchpreises in ihrer Begründung für die Nominierung hingewiesen, ganz nebenbei zeichnet Thomas Melle mit dem Protokoll seiner Schübe, die ihn durch Clubs, Konzerthallen und Kliniken treiben, auch ein „Stimmungsbild der popkulturellen Gegenwart“. Wie bringt man so eine Geschichte auf die Bühne? „Wir müssen das umfassende Material natürlich verdichten“, erklärt Jan Bosse, „dramatisieren ist vielleicht das falsche Wort, dramatisch genug ist die Geschichte ja. Aber spielbare Situationen fürs Theater entwickeln. Es soll ja keine Doku über Bipolarität werden.“ Geht es dabei auch um Genie und Wahnsinn? „Ja. Einerseits ist das ein überkommenes Klischee, andererseits finden sich wohl unter den Künstlern statistisch noch immer die meisten manisch-depressiven Menschen. Für Melle jedenfalls war und ist das Schreiben, das Erzählen die einzige Rettung.“
Wie schon Defoes Roman „Robinson Crusoe“ in seiner furiosen Inszenierung 2012 am Burgtheater, bricht Jan Bosse auch diese, eigentlich mit viel mehr Gesellschaft aufwartende Geschichte auf zwei Figuren herunter, die wunderbarerweise wieder von Ignaz Kirchner und Joachim Meyerhoff gespielt werden. „Es handelt sich um eine Ich-Erzählung“, meint der Regisseur, „und das soll es auch bleiben. Das Alter Ego dieses sprechenden Ichs ist Freund, Gegner, Mitpatient, Arzt, ein immer vorhandener Begleiter: das wird Ignaz Kirchner sein.
Das Publikum, wir, sind die Öffentlichkeit, die sogenannten und selbst ernannten Normalen. Neben Meyerhoff und Kirchner bin ich ja auch der Normalste in dieser Dreierkonstellation! Vielleicht wird es auch eine Art Fortsetzung von „Crusoe“: Robinson und Freitag treten die Reise an in unsere manisch-depressive Gesellschaft.“
Doch eine Frage bleibt noch: Warum sich das Publikum in Wien, das von Thomas Melle noch nicht viel oder gar nichts gehört hat, für diese schreckliche Chronik einer Krankheit voll Wahnsinn und Zerstörung interessieren soll? Jan Bosse: „Das Tolle an dem Buch ist doch, wie nah uns ein junger Autor das komplizierte und harte Thema der psychischen Krankheit bringt, wie er uns mitnimmt in das Reich des Wahns und der tiefen Traurigkeit über die Welt. Und trotz des ernsten Themas: mit wie viel Humor! Es geht, glaub’ ich, nicht nur um eine individuelle Katastrophe, sondern um unser Verhältnis dazu, was ‚normal‘ ist und wer als ‚verrückt‘ weggesperrt wird. Alles wird doch immer und immer mehr geglättet in Richtung Oberfläche und Effizienz. Alles Fremde und Fremdartige wird mit Gewalt draußen gehalten. Zweifel, Ängste und Spinnereien werden misstrauisch beäugt. Dabei ist das Leben unendlich viel komplizierter!“

Lothar Lohs



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