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01.02.2017

Ein breites Spektrum menschlicher Gefühle


Roberto Alagna singt in der Staatsopern-Premiere von Giuseppe Verdis „Il trovatore“ die Titelpartie Manrico.

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Sechzehn Jahre lang spielte man an der Wiener Staatsoper keinen „Troubadour“. Seit der Wiener Erstaufführung im Jahr 1854 gab es in der Geschichte des Hauses nie eine derartig lange Phase, in der dieses Werk an der Staatsoper beziehungsweise ihren Vorgänger- oder Interimsbauten nicht aufgeführt wurde. Doch nun ist die Durststrecke zu Ende. Die bevorstehende Neuinszenierung schafft lang ersehnte Abhilfe, noch dazu in Top-Besetzung.
„Il trovatore“ erzählt die Geschichte zweier Brüder, die getrennt voneinander aufwachsen und nicht wissen, dass sie Geschwister sind. Der eine, Luna, bleibt bei seiner adeligen Familie. Der zweite, der Troubadour Manrico, wächst – nachdem er vertauscht wurde – bei der Zigeunerin Azucena auf. Als beide dieselbe Frau lieben, geraten sie darüber in Konflikt. Aus Rache tötet Luna Manrico. Im Augenblick von Manricos Tod erfährt er von Azucena, dass er soeben seinen eigenen Bruder hinrichten ließ.
„Die Oper hat keine besonders verworrene Handlung“, widerspricht Roberto Alagna einem oft zu hörenden Klischee. „Im Gegenteil! Die eindrucksvolle Wirkung, die das Werk auf das Publikum auszuüben vermag, liegt in der Einfachheit seiner Handlung. Wenn Sie die Novelle „El Trovador“ von Antonio García Gutiérrez, auf der die Oper basiert, lesen, so werden Sie feststellen, dass in der Oper die Geschichte gestrafft wurde. Es ist eine Tatsache, dass der Plot weit weniger verwirrend ist als der von Filmen, wie zum Beispiel ,The Matrix’“, lacht Alagna. „Die Operncharaktere selbst sind aber stets sehr komplex. Es ist ein intensives, emotional aufgeladenes Werk. Man hat das Gefühl, dass alles in seiner Dramatik jederzeit kollabieren könnte. Was diese Oper zu einer der beliebtesten überhaupt macht, kann man in fünf Buchstaben zusammenfassen: V-E-R-D-I. Verdis Gestaltungskraft, die Plastizität des Ausdrucks, der musikalische Farbenreichtum, schlicht sein Genie sind der Schlüssel dieses Erfolgs. Er hat ein unglaublich breites Spektrum an Gefühlen geschildert! In seinen Werken findet sich die ganze Conditio humana, und im „Troubadour“ ganz besonders.“
Roberto Alagna sang seinen ersten Manrico 2001 im Opernhaus von Monte Carlo. „Als junger Sänger ließ ich mich in meiner Interpretation von Tenören, die ich liebte, inspirieren. Ich war damals sehr glücklich, fühlte mich geehrt, als mir große Rollenvorgänger wie Franco Bonisolli und Franco Corelli nach der Vorstellung gratulierten. In dieser Zeit legte ich Wert darauf, den heroischen Charakter der Figur herauszustreichen. Heute versuche ich mich laufend zu verbessern, eine gewisse Natürlichkeit in meine Interpretation einfließen zu lassen. Meine heutige Herangehensweise ist wohl eine tiefere und menschlichere. Man bringt ja immer die eigene Lebenserfahrung in die Charaktere, die man verkörpert, ein. Manricos Charakter bewegt mich; er bedeutet mir viel. Denn wir haben einige Gemeinsamkeiten. In seinem Herzen, ohne zu wissen warum, empfindet er sich nicht zur Zigeunergemeinschaft gehörig. Er fühlt sich unter den Seinen wie ein Fremder. Bis zu einem gewissen Grad ist dies auch das Gefühl, das ich als das erste in Frankreich geborene Kind einer sizilianischen Einwandererfamilie hatte. So empfinden wohl viele Einwandererkinder.“
Für den Künstler ist jede Rolle ein Rätsel, das es zu lösen gilt. „Mein Bestreben ist es, die Zerrissenheit dieses Charakters zu zeigen. Er ist auf der Suche nach sich selbst und befindet sich dabei in einem Dilemma. Obwohl er eine tiefe Beziehung zu seiner vermeintlichen Mutter, der Zigeunerin Azucena, hat, fühlt sich Manrico zu Menschen höheren Standes hingezogen, wenngleich er sie hassen sollte. Ich sehe ihn als feurigen, rebellischen Geist, der gerne seiner Lebenssituation und seinem Schicksal entfliehen würde. Er ist zu großer Liebe fähig, hat Ehrgefühl und ist bereit, bis zu seinem Tod zu kämpfen. Aber er ist auch ein Mann der Spiritualität. Als er Luna töten will, glaubt er, eine höhere Stimme zu hören, die ihm gebietet, ihn am Leben zu lassen. Unbewusst scheint er die geheimnisvollen Blutsbande zu spüren. Seine Aggressivität wird dadurch untergraben. Er ist einerseits ein rachsüchtiger Krieger, wie wir es in der berühmten Stretta ,Di quella pira‘ erleben; andererseits ist er ein Troubadour, ein Künstler und wirklicher Dichter.“
Die Kollegenschaft, mit der Roberto Alagna die neue Inszenierung erarbeitet, könnte nicht exquisiter sein. Als Tenor, der seit mehr als 25 Jahren in der obersten Liga singt, sind sie ihm alle bestens bekannt. „Es sind alles Freunde von mir. Künstler, die ich seit Langem kenne. Mit Anna (Netrebko) habe ich natürlich schon wunderbare Aufführungen gesungen, wie Manon (Massenet) hier in Wien. Ludovic (Tézier) kenne ich seit der Opernschule. Mit Luciana (D’Intino) habe ich „Il trovatore“ schon vor 15 Jahren in Palermo gesungen. Ich genieße es, mit diesen Partnern in der Regie von Daniele Abbado zusammenzuarbeiten. In Marco Armiliato haben wir einen großen Musiker und talentierten Dirigenten an unserer Seite. Ich schätze es besonders, mit ihm zu arbeiten.“
Der allein in dieser Saison an den Opernhäusern von Paris, New York, Berlin, München und London präsente Künstler begann – von einigen wenigen Auftritten nach seinem Debüt als Nemorino 1992 abgesehen – ab 2007 eine intensivere Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper. Die bevorstehende Premiere macht sein an diesem Haus gesungenes Rollendutzend voll. „Ich liebe dieses Theater. Das Publikum ist anspruchsvoll, aber unterstützend und immer gut informiert. Alle am Haus Arbeitenden sind hoch professionell und freundlich. Das schätze ich sehr. Jeder von ihnen liebt die Oper, sie widmen jeden Tag der Weiterführung einer großen Tradition. Das macht die Aufführungen hier so besonders.“
In Wien sang der Tenor bislang ausschließlich bekannte Repertoirestücke. International ist er aber auch als Fürsprecher von Werken abseits des Mainstreams bekannt. „Meine Leidenschaft für Oper und Musik führt mich immer wieder dazu, vergessenen Werken und unterschätzten Komponisten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Leider sind die Opernhäuser diesbezüglich vorsichtig. Da ich eher zurückhaltend bin, übe ich auch keinen Druck aus, damit diese Werke gespielt werden. Aber es gibt natürlich eine Vielzahl an Rollen, die ich gerne in Wien vorstellen würde. Zum Beispiel die Grand Opéra „Nero“ von Anton Rubinstein, ein phantastisches Werk, das in den letzten Jahrzehnten nie gespielt wurde. Oder Massenets „Hérodiade“, Riccardo Zandonais Francesca da Rimini, Ernest Chaussons „Le roi Arthus“, den ich vor zwei Jahren an der Bastille sang. Franco Alfanos Cyrano de Bergerac singe ich jetzt an der Met. Eine schwierige Rolle, doch ein wunderbares Stück.“
Roberto Alagna hat zwei Brüder, die eigenschöpferisch tätig sind: „Ihre Oper „Le Dernier Jour d’un Condamné“ / „Der letzte Tag eines Verurteilten“ mit Musik von David auf den Text von Federico (Alagna), basierend auf einem Roman Victor Hugos, ist sehr erfolgreich. Es ist eine hoch inspirierte, starke Arbeit.“ Alagna setzt mit einem Satz fort, der den designierten Staatsoperndirektor Bogdan Roš?i? hellhörig machen wird: „Ich interessiere mich sehr für zeitgenössische Oper, höre mir viel an. Und ich bin davon überzeugt, dass es die moderne Oper ist, die im Repertoire der Zukunft Bestand haben wird.“ ‚Geburtshelfer‘ der Oper seiner Brüder war „übrigens Dominique Meyer, der sie zum allerersten Mal überhaupt präsentierte: in einer konzertanten Aufführung am Théâtre des Champs-Élysées“.
Dass sich ein Opernsänger von heute so stark in künstlerisch kreative Prozesse einbringt, ist ungewöhnlich. Doch Roberto Alagnas Interessen gehen über die große Leidenschaft des Singens noch hinaus: „Ich bin ein besessener Leser, habe eine Leidenschaft für Film, Malerei, Bildhauerei – für Kunst ganz im Allgemeinen. Und vor allem liebe ich Menschen und interessiere mich für sie. Aber ich muss ein Geständnis ablegen: Den Großteil meiner Freizeit widme ich derzeit meiner kleinen Tochter. Vater eines dreijährigen Kindes zu sein ist eine wunderbare, aber auch sehr fordernde Aufgabe!“

Martin Kienzl




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