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02.03.2017

Monster aus der Finsternis der Geschichte


Antú Romero Nunes zeigt am Burgtheater „Die Orestie“ des Aischylos aus der Perspektive der Erinyen, der Rachegeister einer alten Ordnung, die entmachtet werden.
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Es ist ein einzigartiges Stück Literatur, die "Orestie" des Aischylos, nicht nur weil sie die einzige komplett erhaltene Tragödientrilogie des antiken griechischen Theaters darstellt, sondern weil sie auch den ersten Versuch der Menschheit dokumentiert, den Kreislauf der Gewalt, der bis dahin dominiert hatte, zu stoppen. Sie zeigt die Geburt der Justiz und rechtsstaatlicher Strukturen aus dem Geist der Tragödie des immerwährenden Tötens. Alles begann in diesem Fall mit Tantalus, dem Ahnherrn einer Familien-Saga in grauer Vorzeit, der keine der heutigen TV-Serien das Wasser -reichen kann. Dieser übermütige Halbgott, ein Sohn des Zeus, setzt bei einem Familienessen den Göttern seinen zerstückelten Sohn Pelops als Hauptgang vor, um ihre Allwissenheit zu prüfen. Als die Herrschaften des Olymps dies bemerken, wird Tantalus zur Strafe in die Unterwelt verbannt und muss dort seither die berühmten Tantalusqualen erleiden, Hunger und Durst beim Anblick unerreichbarer Speisen. Gleichzeitig verhängen die Götter einen Fluch über diese Familie, der garantiert, dass sich bis zur fünften Generation ein Mörder an der eigenen Sippe vergreifen und so die gesamte Nachkommenschaft des Tantalus in eine grauenhafte Folge von Gewalt und Verbrechen gestürzt wird.

FLUCH DER ATRIDEN
Dieser Fluch der Atriden beginnt gleich beim eigentlich schon gebratenen Sohn Pelops zu wirken, der von den Göttern wieder zusammengesetzt wird und dafür seinen Schwiegervater umbringt. Als Draufgabe zerstückelt er den König von Arkadien. Die dritte Generation treibt es dann besonders bunt. Pelops’ Sohn Atreus, immerhin König von Mykene, übt Rache an seinem Bruder Thyestes, weil dieser seine Frau Aërope verführt hat, indem er dessen Kinder schlachtet, sie ihm bei einem angeblichen Versöhnungsessen serviert und ihr Blut im Wein vermischt zum Trinken vorsetzt. Mit der vierten Generation, Agamemnon, dem Sohn von Atreus, setzt auch die "Orestie" des Aischylos ein. Agamemnons Liebeswerben um Klytaimnestra beginnt damit, dass er deren ersten Mann erschlägt und sie sich als Frau aneignet. Später, als er in den -Trojanischen Krieg ziehen will und die Flotte nicht auslaufen kann, weil Flaute herrscht, bringt er seine Tochter Iphigenie als Opfergabe den Göttern dar. Man sieht, das Abmurksen der eigenen Kinder hat in dieser Familie Tradition, was aber jetzt bei der Mutter Klytaimnestra das Fass zum Überlaufen bringt. Als der siegreiche Feldherr Agamemnon aus dem Krieg um Troja zurückkehrt, wird der Schlächter selber geschlachtet, von seiner Frau mit der Hilfe ihres Geliebten Aigisth, im Bad, mit der Doppelaxt. Das ruft die fünfte Generation auf den Plan: im zweiten Teil der "Orestie", den "Choephoren", nimmt der Sohn Orest Rache am Tod des Vaters und tötet seine Mutter samt ihrem Geliebten und muss dann im dritten Teil, den "Eumeniden", vor der Rache der Sühne für den Muttermord fordernden Erinyen bis nach Athen fliehen, wo die Göttin Pallas Athene dem Mechanismus des Tötens ein Ende bereitet.
Im Burgtheater inszeniert nun Antú Romero Nunes die "Orestie" mit einem überraschenden, originellen, spannenden Ansatz: Der Jungstar unter den Regisseuren erzählt die blutige Geschichte mit sieben Schauspielerinnen aus der Perspektive der Erinyen, die zum Schluss mehr oder weniger gezwungen werden, ihre primitive Funktion als Rachegöttinnen an den Nagel zu hängen und eine neue Position als Eumeniden, als Wohlgesinnte, einer neuen demokratischen Rechtsordnung einzunehmen. Sieben Frauen spielen die ganze Trilogie und schlüpfen jeweils in die Rollen von Agamemnon, Klytaimnestra, Orest und all den anderen. „Damals, bei der Uraufführung 458 v. Chr. in Athen haben das nur Männer gespielt,“ erläutert Nunes, „das war die Konvention, Frauen hatten auf dem Theater noch nichts verloren. Ich habe mir überlegt, welche Gruppe das heute spielen könnte und da ist mir die Verwandtschaft der in ihren Missionen sehr variabel einsetzbaren Erinyen mit den heutigen Wutbürgern aufgefallen. Aber im Prinzip führen wir das ganz klassisch auf wie die Griechen damals, nur mit Frauen. Und genauso wie damals setzen die sich Masken auf und verwandeln sich in die entsprechende Figur. Die alten Griechen haben ja kein psychologisches, auf Identifikation zielendes Theater gemacht, sondern die Psychologie bestand darin, dass man einen Archetypus spielt.“

RACHEFURIEN
In der Orestie allerdings gehen die Erinyen ihrer Hauptbeschäftigung als Rachefurien nach, die den Muttermord durch Orest sühnen und den Täter in den Wahnsinn bzw. den Tod treiben wollen. Sie agieren damit als -gefährliche Repräsentantinnen eines -alten Ordnungs- und Rechtsprinzips, das überwunden werden soll. Und das macht sie für Nunes zu Vorläufern von Politiker(inne)n wie Le Pen, Orbán, Kaczy?ski, Wilders und Strache, die momentan in Europa die desaströsen, überwunden geglaubten Kräfte der Vergangenheit aufwecken und ein vormodernes, illiberales Zeitalter einläuten wollen. Hasardeure des Populismus, die mit ihrer Negation der Moderne und des Establishments samt seinen Institutionen, ihrem Raubbau an der Rationalität und ihrer Flucht in einen engstirnigen Nationalismus unverhohlen und machtgierig an der Wiederkehr des völkischen Ungeists arbeiten, der Deutschland unter Hitler und damit die ganze Welt in eine Apokalypse mit geschätzten 80 Millionen Toten geführt hat. „In Österreich“, sagt Nunes, „hätte es fast ein Staatsoberhaupt gegeben, das gesagt hat, ihr werdet euch noch wundern, was alles möglich ist. Jetzt regiert in den USA ein Präsident, der sagt, ich schmeiße alles um, mir ist es egal, mit wem ich Streit anfange. Also wenn Trump sagt, er akzeptiere das Gericht nicht, das sein Dekret aufhebt, dann überspringt er die Institution, die uns Rechtssicherheit garantiert, und damit ist eine Erinye da, die das Land verheert. Davon angeturnt sind alle gegen das Establishment und man weiß nicht mehr, wie man mit diesen Stimmen umgehen soll. Stimmen, die plötzlich aus der Finsternis der Geschichte wieder auftauchen. Und daraus leitet sich mein Ansatz ab, die Geschichte der Orestie von den Erinyen erzählen zu lassen, die sagen: Na gut, irgendwann habt ihr den Rechtsstaat erfunden und uns zu Wohlgesinnten gemacht, aber ganz ehrlich Leute, ihr werdet uns nicht los, wir sind noch da und wir kommen wieder. Das heißt, Frieden für immer, das ist eine Utopie, die es niemals geben wird. Geschichte ist immer Stress mit den Erinyen.“
Der Frieden im Vereinigten Europa dauert jetzt schon 72 Jahre und das oft Gesagte muss hier wiederholt werden, dass es eine solche Zeitdauer ohne Schlachtenlärm auf diesem Kontinent noch nie gegeben hat. Dieses Projekt eines Vereinigten Europa ohne Krieg bietet auch eine Analogie zur Orestie an: So wie dieses Europa aus der Asche der verheerende Kriege der Nationalstaaten gegeneinander entstanden ist, so wird die Orestie ja immer als literarisches Dokument gewürdigt, das den Fortschritt des antiken Rechtsverständnisses vom Mechanismus der privaten Rache und des damit verbundenen Kreislaufs von Gewalt sowie Gegengewalt zu einer geordneten Rechtssprechung durch eine von der Gesellschaft installierte Justiz mit Richtern markiert. Und damit dokumentiert die Orestie auch, dass die Dramatik der alten Griechen niemals ästhetischer Selbstzweck war, sondern immer zur Verhandlung brennender gesellschaftlicher Probleme genützt wurde. So hat auch Aischylos den Trojanischen Krieg und den Mythos der Atriden nur als eine wohlbekannte Geschichtskulisse benützt, deren dramatischen Mehrwert Brecht mit „Aktualisieren durch Historisieren“ gekennzeichnet hätte.

NEUE IDEE
„Die Orestie“, sagt Nunes, „wird oft falsch interpretiert, dass hier die Demokratie erfunden wurde. Das stimmt so nicht. Die Trilogie bezieht sich ganz konkret auf damals kürzlich passierte Ereignisse, als die Clanwirtschaft der Hochadligen auf dem Aeropag, dem Obersten Rat, abgeschafft wurde und eine Entmachtung stattfand, wie sie den Erinyen passiert. Es wird heute auch noch oft gesagt, es ging darum, die Blutrache zu stoppen. Doch die Blutrache war gar nicht mehr aktuell, das Ziel war, die Gesellschaft neu aufzustellen und Institutionen zu schaffen, die auch göttlich, in diesem Fall von Pallas Athene, legitimiert waren. Aischylos war an dieser Revolution beteiligt und ich stelle mir das wie ein riesiges Start-up-Unternehmen vor, diese Männer, die mit unvorstellbarem Mut gerade die gewaltige Übermacht der Perser besiegt hatten, realisierten eine neue Idee, die Demokratie. Und damit sind wir wieder in der Gegenwart: diese Idee muss verteidigt werden.“
Nun muss man sich vorstellen, dass dies alles nur Hintergedanken zur Inszenierung sind, Sub-Text zur Aktualität einer rund 2500 Jahre alten Dramen-Trilogie, die das Vorstellungsvermögen schärfen kann, was passiert, wenn Erinyen wie Strache, Le Pen oder andere Retro-Krieger an die Macht kommen und die alten Ordnungen von Blut und Boden wieder etablieren. Was Trump alles anstellen wird, kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal erahnt werden. Man sollte vom Schlimmsten ausgehen. Aber in der -Inszenierung selber will Nunes alle plakativen Aktualisierungen mit FPÖ--Bashing etwa vermeiden, obwohl er mit seinem multikulturellen Hintergrund als Immigrantenkind chilenischer sowie portugiesischer Eltern durchaus ins Feindbild aller rechtsextremen Sauberparteien passen würde.

KEIN HONIGLECKEN
Antú João Romero Nunes, wie er mit vollem Namen heißt, hat nach ersten Theatererfahrungen am Theater Lindenhof in Melchingen auf der Schwäbischen Alb und als Assistent in Chile ab 2005 an der renommierten Berliner Ernst-Busch-Hochschule Regie studiert, was aber kein Honiglecken war, weil die Lehrer dort offen an seinem Talent zweifelten und er lange in Gefahr war rauszufliegen, wie er einmal erzählt hat. Der Druck war so groß, dass er sogar die Freude am Theater verlor und sich überlegte, lieber irgendwo an einem Strand Schmuck zu verkaufen. Doch mit seiner Diplom-Inszenierung von Schillers "Geisterseher", die zum Geheimtipp avancierte, wurde alles anders. Zuerst „fertiggemacht, dann gehypt“, hat Nunes diese Zeit seines Lebens selber übertitelt. Das Jungtalent wurde als heiße Regie-Aktie gehandelt und Nunes machte so etwas wie eine Bilderbuchkarriere, die ihn schnell in die Champions League des Theaters beförderte. Nunes arbeitet seither an den großen Häusern in Berlin, Hamburg, Zürich, und die Orestie am Burgtheater rangiert nach "Einige Nachrichten an das All" (2012), "Das Geisterhaus" (2013), "Die Macht der Finsternis" (2015) und zuletzt "Hotel Europa" (2015) schon als fünfte Inszenierung in der Hauptstadt des Theaters.
Hat jemand, der sich so schnell in die höchste Klasse gespielt hat, nicht manchmal Angst, wieder abzusteigen? Die nächste Qualifikation nicht zu schaffen? „Darüber denke ich nicht viel nach. Für mich bedeutet die Champions League, dass ich mit Leuten arbeiten kann, die mich interessieren. Wenn Absteigen hieße, dass ich meine Interessen nicht mehr verfolgen kann, dann würde ich das Theater lassen. Man wird ja nicht Künstler, um reich und berühmt zu werden, sondern weil einen etwas interessiert.“
Aber viel mehr als solche aufgrund seines Erfolgs höchst theoretischen Fragen interessiert momentan den Regisseur das Problem, ob man die Geschichte, wie sie momentan mit Trump und Konsorten läuft, aufhalten kann? „Wir leben in einer Zeit, in der Dinge passiert sind, die undenkbar schienen. Ich bin unter der Garantie aufgewachsen, dass Frieden, Wohlstand, Demokratie, Freiheit und Sicherheit herrschen. Diese Garantie hat sich innerhalb der letzten zwei Jahre in Luft aufgelöst. Die alten Griechen hatten das Orakel von Delphi, das ihnen gesagt hat, wo es langgeht. Also im Fall von Ödipus: Du wirst deinen Vater erschlagen und deine Mutter heiraten. Und alle Vorkehrungen dagegen haben nichts genützt. Wäre es möglich gewesen, Trump zu verhindern? Ist es möglich, die Übernahme von Europa durch die Rechtsnationalen zu verhindern? Oder müssen wir uns damit abfinden und die Welt auf eine andere Weise retten? Ich denke, dass der Mensch einen Drang zur Erinys hat, zur Zerstörung, zum Tod. Was reitet eine schwarze Amerikanerin, Donald Trump zu wählen? Was reitet 49 Prozent der österreichischen Be-völkerung einen Bundespräsidenten-Kandidaten zu wählen, dessen Partei schon Kärnten ruiniert hat? Aber im Prinzip stehen wir wie die Griechen vor dem Orakel von Delphi und fordern, sag doch mal was! Wie soll es denn weitergehen?“

Lothar Lohs



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