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01.02.2017

Raue Berge, wortkarge Menschen


La Wally. Mit Alfredo Catalanis Oper, in der die Geschichte der Geier-Wally erzählt wird, bereichert die Volksoper das Wiener Repertoire.
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Niemand Geringerer als Arturo Toscanini zählte zu den großen Bewunderern Alfredo Catalanis und seiner Oper „La Wally“. 1907 dirigierte er sie an der Mailänder Scala, wo sie 1892 auch uraufgeführt worden war, zwei Jahre später an der Met. Toscaninis Wertschätzung war so groß, dass er sogar einer seiner beiden Töchter den Namen Wally gab. Trotzdem blieb Catalanis Oper im Repertoire eher ein Stiefkind. Zwar gelang der Mailänder Scala unter Carlo Maria Giulini 1952 eine aufsehenerregende Produktion mit Renata Tebaldi und Mario del Monaco, doch eine, vorerst nur zaghafte, Renaissance zeichnet sich erst in den letzten Jahren ab. 1985 war „La Wally“ in Bremen zu sehen, 1990 in Bregenz, zuletzt nahmen sich St. Gallen, Passau und Innsbruck des Werkes an. Woran mag es liegen, dass diese Oper so selten gespielt wird? An der Handlung, die auf Wilhelmine von Hillerns berühmten Roman „Die Geier-Wally“ basiert, der sogar zwei Mal verfilmt wurde und sich durchaus einer gewissen Popularität erfreut? Oder an Catalanis Musik? „Ehrlich gesagt, habe ich keine Erklärung dafür“, sagt Aron Stiehl, der „La Wally“ an der Wiener Volksoper inszeniert und damit sein Debüt im Haus am Währinger Gürtel gibt. „Vielleicht erscheint die Musik beim ersten Hinhören sperriger als jene von Puccini. Aber ich finde sie ganz toll.“
Auch Dirigent Marc Piollet, in Paris geboren, von 2003 bis 2005 Musikdirektor der Volksoper, danach GMD in Wiesbaden, bezeichnet das Stück als „herb. Es gibt eigentlich nur zwei Arien, das Lied Walters zu Beginn und Wallys berühmte Arie ‚Ebben, ne andrò lontana‘, die stilistisch allerdings aus dem Rahmen fällt “ – was wohl darauf zurückzuführen ist, dass Catalani sie schon 1876 für sein „Chanson groënlandaise“ komponiert hatte. „Diese Arie ist sehr emotional und sehr lyrisch“, fährt Marc Piollet fort. „Sonst aber ist die Oper recht herb und stark am Text entlang komponiert. Es ist kein Verismo im Sinne expressiver großer Linien. Die Geschichte wird sehr sachlich und direkt erzählt, was aber genau das Visionäre dieser Oper ausmacht.“

AMBIVALENTER CHARAKTER
Die Geschichte spielt in den Tiroler Bergen. Wally widersetzt sich dem Willen ihres Vaters, den in sie verliebten Gellner zu heiraten. Ihre Liebe gilt Hagenbach aus dem Nachbardorf Sölden, der auch ihr zugetan ist, ohne dass sich die beiden ihre Liebe eingestehen. Mit einem Kuss, den er Wally während eines Festes abringt, will er allerdings bloß die Ehre der Söldener wiederherstellen, die Wally gekränkt hatte, als sie in einem Anfall von Eifersucht ihre vermeintliche Rivalin Afra beleidigte. Außer sich vor Wut verspricht die derart gedemütigte Wally Geller, seine Frau zu werden, wenn er Hagenbach tötet. Der Mordanschlag misslingt, schwer verletzt überlebt Hagenbach den Sturz in eine Schlucht und wird von Wally gerettet. Aus Reue vermacht sie ihren Hof Alfra und zieht hinauf in die Berge, um dort in Einsamkeit zu sühnen ...
Die norwegische Sopranistin Kari Postma, die als Wally ihr Debüt an der Volksoper gibt, sieht sie als durchaus ambivalenten Charakter. „Einerseits ist sie rau und harsch, auch stark. Wenn aber die Depression über sie kommt, ergreift diese sie ganz.“ Ihrem Vater widersetzt sich Wally zwar, als dieser sie nötigen will, Geller zu heiraten. Warum aber bringt sie nicht den Mut auf, Hagenbach ihre Liebe zu erklären? „Wallys Problem ist, dass sie sich eine wahnsinnige Härte anerzogen hat“, sagt Aron Stiehl. „Sie ist eine Außenseiterin, weil sie nicht dem gängigen Bild der Frau entspricht. Selbst Stromminger, ihr Vater, ist von ihr nicht überzeugt. Deshalb ist sie auch so einsam. Sie hat nicht gelernt, ihre Gefühle zu zeigen, weil sie Angst hat, verletzt zu werden. Unmittelbar vor ihrem Tanz mit Hagenbach sagt sie, bisher habe nur der Wind sie geküsst. Wer ihr den ersten Kuss abringt, den werde sie heiraten.“
Wallys herbe Art hat Konsequenzen für die musikalische Interpretation, wie Marc Piollet betont: „Man sollte sich davor hüten, allzu große Emotionen zu bedienen, durch extreme Dehnungen etwa oder durch den Versuch, künstlich einen Puccini daraus zu machen. Die große melodische Linie, wie wir sie von Puccini kennen, gibt es hier nicht, allenfalls noch in Wallys Arie. Man muss daher alle Sentimentalitäten vermeiden. “

WENIG LOKALKOLORIT
Alfredo Catalani, 1854 in Lucca geboren, gehört jener Komponisten-Generation an, die in der Nachfolge Verdis um eine Neuausrichtung der italienischen Oper gerungen haben. „La Wally“ ist seine fünfte und letzte Oper, ein Jahr nach der Uraufführung ist er 39-jährig an Tuberkulose gestorben. Wäre die Entwicklung für die italienische Oper anders verlaufen, hätte Catalani länger gelebt? „Eine interessante Frage“, sagt Marc Piollet. „Ich bin kein Hellseher, aber ich denke schon, dass sein Einfluss größer geworden wäre. Der Verismo war ja erst im Entstehen.“ Marc Piollet ortet in Catalanis Partitur zu „La Wally“ verschiedene Einflüsse: „Es gibt Stellen, bei denen man an Verdi denkt, bei anderen an Puccini. Aber auch Webers „Freischütz“ und Mendelssohns „Schottische“ klingen an und – zu Beginn des zweiten Akts – Gounods „Faust“. Catalani hat ja auch in Paris studiert. Womit ich allerdings nicht sagen will, er hätte Musik geklaut. Aber er war erst auf dem Weg, all diese Einflüsse zu einer eigenständigen Sprache zu verschmelzen.“ Anders als bei Puccinis „Madama Butterfly“ oder „Turandot“ spielt das Lokalkolorit in „La Wally“ nur eine marginale Rolle, obwohl Catalani Inspiration in den Ötztaler Alpen gesucht hatte. Geriet das zum Vor- oder zum Nachteil für die Musik? „Ich denke nicht, dass es ein Nachteil ist“, sagt Marc Piollet. „Das Stück ist extrem stringent, es ist das Gegenteil einer Revue. „La Wally „ist eine durchkomponierte Oper. Allzu viel an Lokalkolorit hätte den durchkomponierten Bogen möglicherweise gestört.“ An einer Stelle ist es Catalani jedoch großartig gelungen, das Lokalkolorit mit den dramaturgischen Erfordernissen in Einklang zu bringen, in der Kussszene des zweiten Akts. Das psychologisch komplexe Ensemble baut sich nämlich über dem simplen Rhythmus einer Tyrolienne auf, einem Tanz im Dreiviertel-Takt. „Ja, das ist tatsächlich ein Meisterstück“, sagt Marc Piollet.
In Wilhelmine von Hillerns Roman „Die Geier-Wally“ gibt es ein Happy End. Der genesene Hagenbach holt Wally vom Berg herab und lebt mit ihr glücklich und zufrieden weiter. In der Oper jedoch reißt ihn, kaum dass sie sich ihre Liebe erklärten, eine Lawine in die Tiefe, Wally springt ihm in den Tod nach. Ist diese Tragik ein Zugeständnis an die damalige Konvention der italienischen Oper? „Vielleicht ist es ein Zugeständnis“, sagt Regisseur Aron Stiehl, „ich denke aber, jede Bearbeitung hat ihren Grund. Die Oper läuft auf Wallys Liebestod geradezu hinaus. Der Keim dazu ist schon in Walters Lied ganz am Beginn der Oper angelegt.“ Wilhelmine von Hillern hatte gegen das tragische Finale jedenfalls nichts einzuwenden. Sie selbst hat für die deutsche Erstaufführung in Hamburg 1893 Luigi Illicas Libretto ins Deutsche übersetzt, auf die sich die Volksoper teilweise auch stützt. „Wir verwenden eine Mischfassung, die unsere Dramaturgin aus den Übersetzungen von Henneberg und von Hillern erstellt hat.“

SPIELERISCHES THEATER
Eine große Herausforderung für jeden Regisseur ist es, den Schluss von „La Wally“ glaubhaft auf die Bühne zu bringen. Wie stellt man eine Lawine dar? Aron Stiehl lacht. „Erst die Lawine, und dann noch springen wie Tosca – das ist tatsächlich eine harte Nuss. Jeder, der das Stück naturalistisch angeht, hat schon verloren.“ Dass er Phantasie genug hat, dafür eine eigene Lösung zu finden, hat der aus Wiesbaden stammende Regisseur schon oft genug bewiesen. Er war noch ein Kind, als er den „Zigeunerbaron“ und wenig später „Die Fledermaus“ sah. „Da war ich schon verloren. Meine Eltern haben sich große Sorgen gemacht. Oper sei doch nur etwas für alte Menschen. Als ich dann auch noch erklärte, Opernregie studieren zu wollen, haben sie mich vollends für verrückt erklärt. Damit aber mussten sie sich abfinden.“ Aron Stiehl hat bei Götz Friedrich studiert, sein Handwerk aber vor allem als Spielleiter der Bayerischen Staatsoper erlernt. Er wurde von Peter Konwitschny geprägt, dessen Assistent er war, verdankt wesentliche Inspirationen aber auch englischen Regisseuren wie Richard Jones, „die viel spielerischer Theater machen und dabei die Geschichte nie aus den Augen verlieren“. Für die Darstellung der Lawine wird er jedenfalls ganz stark auf Licht setzen.
Bevor sie aufgrund eines Vorsingens von der Volksoper als Wally engagiert wurde, kannte Kari Postma aus Catalanis Oper nur die berühmte Arie. Rasch hat sie aber an der gesamten Partie Gefallen gefunden. Mit Musik ist sie aufgewachsen, da ihre Mutter Harfenistin eines Symphonieorchesters war, die die Oper allerdings gehasst hat. „Vielleicht bin ich aus einer pubertären Rebellion heraus gerade deshalb Sängerin geworden“, sagt sie lachend. „Mittlerweile aber hat auch meine Mutter die Oper entdeckt.“ Kari Postma hat mehrere Wettbewerbe gewonnen, sich in Hamburg ein breites Repertoire erarbeitet und zuletzt in Willy Deckers Regie als Katja Kabanova in Oslo großes Aufsehen erregt. „Zur deutschen und zur slawischen Oper fühle ich mich besonders hingezogen“, sagt sie, vor allem Richard Strauss würde sie gerne öfter singen. Bisher stand sie nur als Zdenka in „Arabella“ auf der Bühne. Wesentlich für „La Wally“ ist ihrer Meinung nach der Umstand, dass das Stück in den Bergen spielt. „Ich kenne das von Norwegen. Die Menschen in den Bergen sind wortkarg und verschlossen. Es ist ein hartes Leben, das sie führen, oft im Kampf mit der Natur. Vieles davon finde ich in „La Wally“ wieder.“


Peter Blaha



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