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04.04.2017

Stets das Außergewöhnliche wagen


Birgit Minichmayr. Die Ausnahmekünstlerin ist in René Polleschs neuer Inszenierung „Carol Reed“ mit von der Partie und glänzt im Repertoire des Burgtheaters als „Hedda Gabler“ sowie in „John Gabriel Borkman“.
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Das waren noch Zeiten, als Martin Kušej und Matthias Hartmann zum Vergnügen des Medienboulevards darüber stritten, wem Birgit Minichmayr gehört, also welchem Theater natürlich, ob dem Münchner Residenz- oder dem Wiener Burgtheater. Mittlerweile gehört die Ausnahmeschauspielerin nur noch sich selbst, sie firmiert nicht mehr als Ensemblemitglied eines Hauses, leider auch nicht mehr am Burgtheater. Dennoch ist Birgit Minichmayr nach wie vor präsent in der Hauptstadt des Theaters. Und wie! Sie verkörpert in Martin Kušejs fulminanter Ibsen-Interpretation „Hedda Gabler“ an der Burg die Titelrolle, und im Akademietheater spielt sie nach wie vor die Ehefrau Gunhild in Simon Stones, 2015 mit einem Nestroy für die Beste Regie ausgezeichneter Ibsen-Fortschreibung „John Gabriel Borkman“.
Und nun, vier Jahre nach „Cavalcade or Being a holy motor“ im Akademietheater, steht eine neue Zusammenarbeit mit René Pollesch auf dem Programm, dessen Inszenierung von Carol Reed am 28. April Premiere haben wird. Doch über dieses Projekt, dessen Arbeitstitel auf den englischen Filmemacher verweist, der hierzulande als Regisseur von „Der dritte Mann“ in die Geschichte eingegangen ist, kann Birgit Minichmayr rein gar nichts sagen, denn die Proben haben zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht begonnen. Das hängt damit zusammen, dass es bei Pollesch-Inszenierungen vorher keinen fertigen Text gibt, die Proben daher ganz anders verlaufen als in einer normalen Inszenierung. „Er kommt“, erzählt Birgit Minichmayr, „am ersten Probentag meistens mit einem ersten Stückentwurf von zehn bis zwanzig Seiten, die dann diskutiert und weiterentwickelt werden. Gleichzeitig erzählt er von den theoretischen Unterlagen, die er für die Proben interessant findet. Auf diesen Proben wird lange nur gelesen, diskutiert und es herrscht da eine ganz andere Freiheit im Miteinander und im Zugang, auch über das, was man auf der Bühne sprechen oder nicht sprechen möchte und was einen wirklich interessiert, das nimmt Pollesch auf, geht nach Hause, schreibt um, dann wird das wieder gelesen und diskutiert, bis wir zu einer Fassung kommen, mit der wir schließlich auf die Bühne gehen. Das kann auch erst zehn Tage vor der Premiere sein.“
Das Interview findet Mitte März im Burgtheater statt an einem kühlen Frühlingstag, an dem die Vielfliegerin in Wien weilt, weil Birgit Minichmayr am Abend eine Vorstellung von „Hedda Gabler“ spielt, die Ibsen-Produktion des Residenztheaters, die, ohne dass es an die große Glocke gehängt wurde, mit der ganzen Besetzung von München nach Wien übersiedelt ist. Die furiose Inszenierung Martin Kušejs wurde nach der Premiere im Oktober 2012 für einen Nestroy in der Kategorie Beste deutschsprachige Aufführung nominiert, war in München lange ein Publikumshit, bis er ausgereizt war und abgesetzt wurde. Gegen eine Lizenzgebühr wurde die Produktion vom Burgtheater übernommen, das damit eine exzellente Produktion fürs Repertoire gewonnen hat, die vom Publikum gestürmt wird und allen Wienern, die sie noch nicht gesehen haben, nur wärmstens ans Herz gelegt werden kann, denn Martin Kušej macht hier radikal Schluss mit dem diskreten Charme der Bourgeosie.

ZWANGSJACKE
Birgit Minichmayr erinnert sich an die Leseprobe in München, auf der das Team über die Aktualisierung des Stücks diskutiert hat und einstimmig der Meinung war, „es nicht im kurzen Röckchen zu zeigen, sondern so zeitlos wie möglich“. Herausgekommen sind die für eine Kušej-Inszenierung überraschend historischen Kostüme von Heide Kastler. Die Protagonistin selber wurde für die Erarbeitung ihrer Hedda von dem 1855 erschienenen Roman „Die Töchter des Amtmanns“ von Camilla Collett beeinflusst, die damals wiederum schon Ibsen inspiriert hatte. Eine dieser Töchter gibt sich auch der Selbstzerstörung hin, indem sie kein Mittel unversucht lässt, sich vor ihrem Geliebten zu verstecken, ihre Gefühle zu verdrängen und ihre Sehnsüchte abzutöten. „Mich hat interessiert, eine Frau zu zeigen, die in ein Leben hineingezogen wird, das sie nicht will, also in einer gesellschaftlichen Zwangsjacke steckt, ohne aussteigen zu können, weil sie zu feige ist und dafür alle abstraft, inklusive sich selber. Wichtig war und ist mir, sie auch schwanger zu zeigen. Das wird ja oft weggelassen, aber ich habe in den Notizen Ibsens und im Stück eindeutige Hinweise gefunden, dass sie ein Kind erwartet, aber auch das kann sie bis zum Schluss nicht kommunizieren.“ Dementsprechend zeigt Birgit Minichmayr diese Hedda Gabler, die gerne als edles Raubtier oder elegante Exzentrikerin angelegt wird, als das Monster, das wirklich in dieser Frau steckt, ohne einen Moment auf die Publikumsgunst zu schielen. Sie zeigt beklemmend, wie aus der Lieblosigkeit, Langeweile und Leere ihres im Würgegriff der Konvention gefangenen Lebens das Böse entsteht, und liefert damit die verstörende Studie einer schwer gestörten Frau. Denn zum Leben erwacht diese Hedda Gabler erst, wenn sie sich zur „Herrscherin“ über Menschen aufschwingen und mit maliziöser Niedertracht das Leben anderer zerstören kann – das ist ganz großes Theater.

BUMM-BUMM-PENG
Seit drei Jahren schlägt sich Birgit Minichmayr nun schon als freie Schauspielerin durch, und man muss sich keine Sorgen um sie machen. Sie ist voll gebucht, es geht ihr glänzend, sie kann vor allem selber über ihre Zeit verfügen, und sie muss nicht mehr bitten und betteln und irgendwelche Deals eingehen, wenn sie einen Film drehen möchte. Letztes Jahr ist sie gleich vier Mal vor der Kamera gestanden: für den Mystery-Film Tiere nach einem Drehbuch von Jörg Kalt, der sich 2007 das Leben genommen hat, für „Die schützende Hand“, der neuesten Folge der ZDF-Dengler-Politkrimiserie um die NSU-Morde, für Emily Atefs Kinofilm „Drei Tage in Quiberon“, und schließlich, lacht Birgit Minichmayr quietschvergnügt, hat sie ihren ersten „Bumm-Bumm-Peng-Film“ gedreht, „Nur Gott kann mich richten“ von Özgür Y?ld?r?m, einen Gangsterthriller mit jeder Menge Action, in dem sie eine Polizistin gibt, die sich aufgrund einer familiären Notsituation mit Drogenhändlern einlässt: „Ich habe dieses Genre bisher noch nie betreten und es hat richtig Spaß gemacht.“
Am Theater ist letzten September bei der Ruhrtriennale in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg Nord ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen: eine Zusammenarbeit mit der gefeierten Regisseurin Susanne Kennedy, in deren Kunst-Installation „Medea.Matrix“ Birgit Minichmayr noch einmal die Rolle spielte, für die sie am Burgtheater in Grillparzers „Das goldene Vlies“ 2004 mit einem Nestroy als Beste Schauspielerin ausgezeichnet worden war. Aber diesmal war alles anders: Nur mit einem schwarzen Bikini bekleidet, stand die Schauspielkünstlerin, die immer an die Grenzen geht, immer alle Möglichkeiten ausreizt, starr auf einem Sockel und rezitierte Texte von Euripides bis Derrida, von der Bibel bis zu Internetforen, von Platon bis Nietzsche. „Ich fand diese Arbeit extrem angenehm, und Susanne Kennedy ist eine unfassbar gut vorbereitete Regisseurin, die genau weiß, was sie will. Wir haben uns für diese statische Lösung entschieden, weil alle diese Zurichtungen eines schreienden, keifenden, leidenden Weibes uns nicht interessiert haben. Wir wollten das in so einem Medium-Modus erzählen, als ob die Texte durch Medea hindurchlaufen.“ Das kam bei der Kritik nicht wirklich gut an. Christine Dössel schrieb in der „Süddeutschen“ von einem „Medea-Murks“, und die Minichmayr kam ihr vor wie eine „Vollblutschauspielerin im falschen Theater“. „Aber ich habe das überhaupt nicht so empfunden“, erzählt sie, „ich habe nur so etwas Anstrengendes noch selten gemacht, eine Stunde lang ganz ruhig, fokussiert nur Texte zu sprechen strapaziert enorm.“
Wenn man das momentane Beschäftigungsprofil Birgit Minichmayrs am Theater aufruft, dann stehen da die Namen Martin Kušej, Susanne Kennedy, René Pollesch und Frank Castorf, lauter Regisseure, die immer etwas riskieren, das Außergewöhnliche wagen, Konventionen durchbrechen, und das drängt den Befund auf, dass Birgit Minichmayr für den konventionellen Theaterbetrieb für immer verloren ist. Dazu ist in ihrem Portfolio zuletzt der Australier Simon Stone gestoßen, der mit seiner Courage, Ibsen in die Gegenwart fortzuschreiben, Furore gemacht und mit der Inszenierung des sonst immer so sterbenslangweiligen „John Gabriel Borkman“ einen Hit gelandet hat, in dem Birgit Minichmayr als alkoholkranke und internetsüchtige Ehefrau Gunhild neue Dimensionen ihrer Spielkunst entdecken konnte (nächste Vorstellung: 21. April im Akademietheater). Zum Schluss landet das Gespräch bei dem Theaterbetrieb, den Birgit Minichmayr nun Zeit hat, auch von außen zu betrachten. Was sieht sie da? „Es wird zu sehr auf die Auslastung geschielt. Ich würde mir in diesen Zeiten der Konflikte und Umbrüche mehr Mut und Frechheit wünschen.“

Lothar Lohs



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