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04.04.2017

Emotion, Intellekt und Pas de deux


Der Feuervogel, Petruschka, Movements to Stravinsky. Das Wiener Staatsballett beschreitet an der Volksoper auf den Spuren der Ballets Russes neue Wege.

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Die Frühjahrssonne scheint in den Probensaal 3 des Wiener Staatsballetts. András Lukács, Halbsolist des Ensembles und Choreograf, erarbeitet mit zwei Kollegen „Movements to Stravinsky“. Dafür hat er eine musikalische Collage aus Strawinskys „Pulcinella, Apollon musa-gète“ und „Les cinq doigts“ zusammengestellt. „Eine Choreografie beginnt für mich immer mit der Musik. Die Bewegung, die Schritte kommen zum Schluss“, sagt Lukács.
Eine Geschichte erzählt er mit seinen „Movements“ nicht. „Ich will pure Emotion transportieren. Musik und Bewegung sollen das Publikum zu eigenen Geschichten inspirieren.“ Die Anregung für Bühnenbild und Kostüm holte sich Lukács in der Malerei der Renaissance. „Die Porträts der spanischen Könige haben es mir angetan. Die typischen weißen Halskrausen kommen wie ein Motiv in allen Kostümen vor, schlicht und modern.“ Lukács hält kurz inne. „Modern heißt für mich nicht schockierend und roh. Ästhetik und Geschmack müssen immer gewahrt bleiben.“
Die Arbeit an „Movements to Stravinsky“ hat für András Lukács besonderen Reiz. „Ich choreografiere zum ersten Mal für Tänzer, die ich sehr gut kenne, für Kollegen. Jede Bewegung ist genau auf die sechs Paare abgestimmt. Ioanna Avraam zum Beispiel hat den modernen Zugang zum Tanz, aber auch das Typische der klassischen Ballerina. Daher tanzt sie in Spitzenschuhen. Zu Erika Ková?ová passt es besser, barfuß zu tanzen.“ Lukács wirkt einen Augenblick nachdenklich. „Ich weiß aber auch genau, wie schwierig es sein kann, das umzusetzen, was ein Choreograf haben möchte. Es ist mir wichtig, dass sich die Tänzer in der Bewegung wohl fühlen.“
Was András Lukács die Annäherung über die Emotion, ist Andrey Kaydanovskiy die Annäherung über den Intellekt. Seine Choreografie zu „Der Feuervogel“ begann mit dem Studium von Strawinskys Biografie. „Es ist spannend, sich mit dem Komponisten zu beschäftigen. Ich konnte Strawinskys Musik bis jetzt nie durchschauen. Ich hörte nur Chaos. Je mehr ich mich aber damit auseinandergesetzt habe, desto klarer wurde mir, wie geordnet und präzise dieses Chaos ist. Strawinskys Musik besteht aus Schichten, die zusammen ein Feuerwerk ergeben.“
Um das musikalische Feuerwerk neu in Bewegung umzusetzen, wollte Kaydanovskiy mehr Tempo und Dynamik in die Originalchoreografie von Michail Fokin bringen. „Die Gesellschaft hat sich seit der Uraufführung des „Feuervogels“1910 verändert. Wir sind heute schneller unterwegs.“ Den Kern der Geschichte um Iwan, die schöne Zarewna und das Zauberwesen Feuervogel behält Kaydanovskiy bei, verlegt sie aber in die Gegenwart, in einen Supermarkt. „Gier und Konsum bestimmen unser Leben, sind unsere Dämonen. Die Liebesgeschichte steht dennoch im Vordergrund. Der Feuervogel ist aber kein reales Wesen, sondern eine Idee von Iwan, die sich nur in seinem Kopf abspielt. Im Unterschied zur Uraufführung mit den Ballets Russes lasse ich nicht eine Frau, sondern einen Mann den Feuervogel tanzen.“
Wie er den Kampf zwischen Gut und Böse, inneren und äußeren Dämonen ausgehen lässt, will Andrey Kaydanovskiy nicht verraten, „aber die Geschichte ist ein Loop – fast –, so wie sich fast alles im Leben wiederholt.“ Der Feuervogel ist Kaydanovskiys erste Choreografie zur Musik Strawinskys. Der Halbsolist des Wiener Staatsballetts lächelt: „Ich habe immer gedacht, wenn ich eines Tages Strawinsky choreografiere, dann habe ich es geschafft.“
Das Thema Erfolg greift Eno Peci in „Petruschka“ auf. „Die traurige Gestalt des Petruschka ist heute allgegenwärtig. Viele sind im Beruf unglücklich, haben nicht erreicht, wovon sie geträumt haben. Viele sind außerdem zwischen Beruf und Familie hin- und hergerissen. Dieses Spannungsfeld wollte ich zeigen.“
Die Musik zu „Petruschka“ ist Peci, Solist des Wiener Staatsballetts, mit jeder Faser seines Körpers vertraut. 2005 hat er in Renato Zanellas Choreografie an der Staatsoper die Titelrolle getanzt. Für seine eigene Arbeit behält Peci die Charaktere der Originalfassung von 1911 bei, gibt ihnen aber andere Rollen. „Petruschka ist Familienvater und Lehrer. Wenn er nach Hause kommt, möchte er sich ganz auf die Familie einstellen, mit den Gedanken ist er aber noch bei der Arbeit. Seine Frau, ursprünglich die Ballerina, fordert Zeit und Aufmerksamkeit. Der Mohr des Originals ist bei mir die Schul-direktorin. Sie macht Petruschka Druck, als Chefin und Frau.“ Konflikt und Krise nehmen ihren Lauf. „Schließlich dreht Petruschka durch. Anders als im Original stirbt er aber nicht, sondern verschwindet einfach. Das Ende bleibt offen.“
Einen Klassiker wie „Petruschka“ neu zu gestalten, empfindet Peci als Balanceakt. „Michail Fokins Choreografie ist etwas Heiliges, besser wird es nicht. Die Herausforderung für mich war, dieselbe Idee, aber nicht dieselbe Geschichte auf die Bühne zu bringen und mit der Emotion der Musik übereinzustimmen. Ich möchte mein Konzept klar darstellen und trotzdem für das Publikum Raum zur Interpretation lassen.“
Im Probensaal 3 geht mittlerweile eine intensive Probe zu Ende. In einer Stunde haben András Lukács und die beiden Tänzer etwa zwei Minuten „Movements to Stravinsky“ erarbeitet. Die fertige Choreografie dauert nur etwas über zwanzig Minuten. Lukács lächelt. „Das Publikum soll am Ende sagen: Es hat mir gut gefallen, nur ein bisschen länger hätte es sein können.“

Petra Haiderer



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