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02.05.2017

Untergang eines Imperiums


Merlin Sandmeyer. Ein Porträt des Großtalents, das in Michael Thalheimers Inszenierung der „Perser“ am Akademietheater den allmächtigen König Xerxes spielt, der sein Imperium gegen die Griechen in den Untergang führt.

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Es war eine der größten und bedeutendsten Seeschlachten der Antike, als 480 vor Christus die Griechen bei Salamis die zahlenmäßig weit überlegene persische Flotte versenkten und damit dem Perserkönig Xerxes I. die vernichtende Niederlage beibrachten, die von Historikern als das Zentralereignis bewertet wird, das dem Abendland eine vom Morgenland unabhängige Zivilisationsgeschichte erlaubte. Von diesem Untergang einer Großmacht handeln Die Perser von Aischylos, das älteste erhaltene Drama der Welt, das acht Jahre nach der Schlacht bei Salamis, bei der Aischylos selber mitgekämpft hat, in Athen uraufgeführt wurde. Nun, rund 2500 Jahre später, inszeniert Michael Thalheimer die Tragödie im Akademietheater.
Der beispiellose Coup des Stücks liegt darin, dass der Grieche Aischylos das Geschehen aus der Perspektive der Besiegten aufrollt. Es beginnt damit, dass der Ruin des Imperiums schon besiegelt ist, der persische Hof aber noch nichts davon weiß. Die nervöse Königsmutter Atossa wartet, von bösen Träumen und Vorahnungen gequält, auf Nachrichten aus dem Kriegsgebiet Salamis. Endlich kommt der Bote und berichtet zum Entsetzen aller von den unvorstellbaren Gräueln der Schlacht und vom Untergang der persischen Flotte. Niemals starben, heißt es auf dem Höhepunkt der Klagen, an einem einzigen Tag so viele Menschen in so kurzer Zeit. Und dann kommt der geflüchtete Xerxes zurück, im zerfetzten Königsmantel, „das nackte Elend“, wie er selber sagt, „der verkörperte Fluch für das Vaterland“, weil er die Blüte Persiens ins Verderben geführt hat.
In der Rolle des Großkönigs, der für seine Hybris maximal abgestraft wird, ist Merlin Sandmeyer zu sehen, das Großtalent, das direkt nach dem Abschluss von der Münchner Falckenberg- Schule weg ans Burgtheater verpflichtet wurde. „Dieser Xerxes“, erzählt er im Interview, „erscheint zunächst als gottgleicher, eitler, irre gewordener Herrscher, der vier Jahre lang alle Ressourcen seines riesigen Reiches in die Vorbereitung dieses Krieges steckt und schließlich mit einer für damalige Verhältnisse unvorstellbaren Streitmacht zu Wasser und zu Lande gegen das kleine Griechenland vorrückt. Er lässt eine Brücke aus rund 300 Schiffen über den Hellespont errichten, damit auch das Landheer in Hellas einfallen kann, und er lässt das Meer auspeitschen, als stürmischer Wellengang die Brücke gefährdet. Wenn man unendlich mächtig und reich ist, kann man leicht die Bodenhaftung verlieren.“
So kennt man diesen König aus der Geschichte, aber den Schauspieler Sandmeyer interessiert natürlich, „was ihn wirklich antreibt, und in der näheren Auseinandersetzung mit dem Text auf den Proben stellt sich heraus, dass er auch ein Getriebener ist, dass ihm die Hofgesellschaft und seine Berater in den Ohren liegen, das Reich auszubauen. Er steht im Schatten seines Vaters Dareios, der bei Marathon zwar auch eine schwere Schlappe gegen die Griechen hinnehmen musste, aber Glanz und Gloria Persiens erhalten hat. Xerxes steht also unter politischem Druck, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen. Dazu kommt der Wunsch des Sohnes, den Vater zu übertreffen, die Niederlage bei Marathon zu rächen. Dies alles sammelt sich zu einer gefährlichen Gemengelage aus Ruhmsucht, Hochmut, Verblendung und Hybris, die ihn losschlagen lässt, um das zu schaffen, was sein Vater nicht geschafft hat, nämlich dieses Griechenland platt zu machen. Ihn treibt nicht nur Eroberungslust, sondern die reine Zerstörungswut. Wir entdecken während der Proben in diesem alten Text auch immer mehr Parallelen zu Leuten von heute wie Erdo?an, Putin oder Trump, bei denen man dieselben Mechanismen von Geltungs-, Macht- und Größenwahn studieren kann, die Aischylos vor 2500 Jahren als Erster beschrieben hat. Man hat nichts dazugelernt.“

MUTTERMILCH
Merlin Sandmeyer wurde 1990 zu Saarbrücken in eine Schauspielerfamilie hineingeboren, die ihm als bekennende Artus-Sagen-Fans den Namen des mächtigen Zauberers gaben, der seine schützende Hand über einen guten König hielt. Die Mutter, Balletttänzerin, später Choreografin, der Vater Bühnenmeister, so hat das Baby Merlin die Faszination für die Bretter, die immer noch die Welt bedeuten, schon mit der Muttermilch eingesogen. Aber es hat gedauert, bis die Wirkung einsetzte: Erst im Zwölfte-Klassen-Spiel der Waldorfschule in Saarbrücken, das „richtig professionell sechs bis acht Wochen geprobt wird inklusive extra dafür engagiertem Regisseur“, hat es ihn „gepackt und nicht mehr losgelassen“. Wichtig war dann der Einfluss des älteren Bruders Fridolin, der auch drauf und dran war, Schauspieler zu werden, und die Erfahrungen eines, statt des Zivildienstes absolvierten, freiwilligen sozialen Jahres, das er am Staatstheater Saarbrücken als Regieassistent verbrachte und dort den Theaterbetrieb backstage kennenlernte, was ihn nicht abschreckte. Ganz im Gegenteil, es ergab sich auch die Gelegenheit für erste kleine Schauspiel-Einsätze, und so ist er schließlich auf der Otto-Falckenberg-Schule gelandet.
Nun hat Merlin Sandmeyer am Burgtheater einen berühmten Kollegen namens Joachim Meyerhoff, der auch durch diese Kaderschmiede geschleust wurde und über die Qualen, die das bedeutete, ein wunderbares Buch Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke geschrieben hat, in dem er erzählt, wie ihm, dem jetzigen Star, damals von seinen Lehrern permanent bedeutet wurde, dass er leider gar kein Talent hätte, also quasi einen anderen Beruf schwänzen würde. Von solchen Leiden kann Merlin Sandmeyer nicht berichten: „Abgesehen von den Konflikten mit den Dozenten und den üblichen Krisen im zweiten Jahr, wenn man nicht mehr weiß, wo rechts und links ist, hatte ich da eine gute Zeit. Es war die richtige Schule für mich.“ Er war während des Studiums auch schon die ganze Zeit im Einsatz, etwa in René Polleschs Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors, 2013 im Lenbachhaus München oder an den Münchner Kammerspielen, wo er 2015 mit dem O.E.-Hasse-Preis für Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet wurde – für die Wandlungsfähigkeit, Spielwut und clowneske Artistik, mit der er in Matthias Günthers Inszenierung von Bulgakows Hundeherz im Werkraum spielte.

GLÜCKSFALL
Dieser mit 5.000 Euro dotierte Preis, der seit 1981 vergeben wird, um herausragende Begabungen zu fördern, ebnete Merlin Sandmeyer auch den Weg ans Burgtheater, denn in der Jury saß Chefdramaturg Klaus Missbach, der naturgemäß die Gelegenheit nutzte, eine Art Option mit dem Jungtalent auf das erste Engagement nach der Schule zu vereinbaren. Für Sandmeyer war das natürlich der Glücksfall, von dem viele träumen, aber nur ganz wenige auserwählt sind. Die Burg, erzählt er, gilt als „der FC Bayern München unter den Theatern, jeder will da spielen“. Aber es wurde ihm auch abgeraten, „weil es ein Riesenhaus ist und man sich da behaupten muss. Das ist an kleineren Theatern nicht anders, aber die Chance besetzt zu werden, ist da größer. Ich bin trotzdem hierher gekommen, für mich als Anfänger ist es ideal, ich lerne tolle Regisseure und tolle Kollegen kennen. Ich fühle mich wohl.“
Über Besetzungen muss sich Merlin Sandmeyer bislang keine Sorgen machen. Er ist bestens beschäftigt im Gegensatz zu dem alten Witz, dass schon hoffnungsfrohe Mimen ans Burgtheater gegangen sind, von denen man nachher nie mehr etwas gehört hat. Nein, Sandmeyer hat schon mit dem Regisseur gearbeitet, mit dem er immer schon einmal arbeiten wollte: In Herbert Fritschs Komödie der Irrungen spielt er den Kerkermeister; das Fritsch-Theater kommt seiner Begabung für clowneske Körperlichkeit, Spielwut und Wandlungsfähigkeit total entgegen. Und er hat bisher keine negativen Kritiken einstecken müssen, nicht bei seinem Debüt letzten Herbst in Nur über meine Leiche im Kasino, nicht als Gansterer Andi im herzerlfresser am Akademietheater und nicht in Platons Party im Kasino, wo er laut Kritik sogar abräumt an diesem Abend. Merlin Sandmeyer genießt in Wien das, warum er zum Theater gegangen ist, was ihn am Spielen reizt: „Die Bühne ist ein Ort der Freiheit, der von Gesetzen bestimmt wird, die man sich zusammen mit einem Regisseur selber gibt.“

Lothar Lohs



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