home > aktuell
02.05.2017

Zwischen Dichtung und Wahrheit


Christian Kolonovits und Angelika Messner haben für die Volksoper eine BaRock-Oper geschrieben: „Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit". Drew Sarich singt die Titelpartie.


Druckversion
als Text versenden
verwandte Themen
Die aktuelle BÜHNE
Bei Antonio Vivaldi denkt man vor allem an Venedig. In der Lagunenstadt wurde der Komponist 1678 geboren. Am Ospedale della Pietà, einem Waisenhaus für Mädchen, das der Kirche Santa Maria della Pietà angegliedert war, stieg er als Geiger und Leiter eines Mädchenorchesters, für das er die meisten seiner Konzerte und Sonaten schrieb, zur europäischen Berühmtheit auf. Doch auch zu Wien gibt es einen Bezug: Als sein Stern in Italien zu sinken begann, zog Vivaldi 1740 in die Kaiserstadt, in der Hoffnung, Karl VI., der seine Musik schätzte, würde ihn unterstützen. Doch der Kaiser starb, bevor er sich seiner annehmen konnte. Wenige Monate später, im Juli 1741, ist auch der kränkliche Vivaldi in Wien verstorben. Er wurde auf dem Gottesacker neben der Karlskirche, dort wo sich heute die Technische Universität befindet, beigesetzt.
Vor einigen Jahre wollte die Stadt Wien am Karlsplatz ein musikalisches Fest ausrichten und hielt nach Ideen dafür Ausschau. Auch Christian Kolonovits und seine Librettistin Angelika Messner beteiligten sich an den Überlegungen. „Da Vivaldi am Karlsplatz begraben liegt, haben wir uns intensiv mit ihm zu beschäftigen begonnen“, erzählt Christian Kolonovits, der als Komponist und Arrangeur in der Welt der Klassik ebenso zuhause ist wie in der Rock- und Popmusik. „Seither hat er uns nicht mehr losgelassen. Uns wurde bewusst, wie sehr seine Musik mit der Rock- und Popmusik korrespondiert“ – was auch das Verdienst italienischer Originalklangensembles wie Il Giardino Armonico oder Europa Galante ist, deren „rockige“ Interpretationen wie ein Sturm über die Klassikszene hereinbrachen und den Mief allzu simpel gestrickter Aufführungen früherer Tage hinwegfegten. „Ich wusste, dass ich diese beiden Stile, die Musik Vivaldis mit der Rock-Musik unserer Tage, zusammenbringen kann. Was uns noch fehlte, war ein Theater, das bereit war, mitzugehen.“
Dieses war rasch gefunden. Der Volksoper hatten Angelika Messner und Christian Kolonovits mit ihrer Kinderoper Antonia und der Reißteufel bereits einen großen Erfolg beschert. Direktor Robert Meyer hatte daher sofort ein offenes Ohr, als sie ihm die Idee einer „BaRock-Oper“ unterbreiteten. Und so wird am 3. Juni Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit an der Volksoper uraufgeführt.

EIN ÜBERMALTES BILD
Der Titel spielt auf Vivaldis berühmtestes Werk an, auf seine Vier Jahreszeiten. Er macht aber auch klar, dass es sich nicht um eine dramatisierte Biografie handelt, sondern um ein fiktives Stück, in dem Dichtung und Wahrheit ständig oszillieren, oder – wie es Christian Kolonovits ausdrückt – „bei dem man nie weiß, was ist fiktiv, und was Realität. Das ist das Spannende daran.“
Angelika Messner, in Wien geboren, in Oberwart aufgewachsen, wurde zur Geigerin ausgebildet, machte sich aber rasch als Librettistin, Dramaturgin und Regisseurin einen Namen. Mit Christian Kolonovits arbeitet sie seit zwölf Jahren eng zusammen, und mit ihrem Libretto zu Vivaldi ist ihr ein wahres Meisterstück gelungen: Eine Mädchen-Band begibt sich am Karlsplatz auf Spurensuche nach Vivaldi. Ihr fällt das Tagebuch Paolina Girós in die Hände, die Vivaldis Haushalt führte, während ihre Schwester, die Sängerin Annina, seine Muse und große Liebe war. Dieses Tagebuch ist den Mädchen das Tor zurück in die Vergangenheit, in dem Vivaldi zunächst als alter Mann erscheint, der mit einer Oper über sein Leben Wien erobern möchte. Das Libretto verfasst er gemeinsam mit Goldoni, Wahrheit und Fiktion dabei je nach Bedarf vermischend. Wir begegnen ihm als Jüngling, dem die Musik alles ist, der aber, auf Drängen seiner Mutter, in der Obhut des Kardinals Ruffo zum Priester ausgebildet und geweiht wird. Doch gelingt es ihm, vom Lesen der Messe befreit zu werden, indem er eine Weihrauchallergie vortäuscht, wodurch er sich ganz der Musik widmen kann. Wir erleben den Aufstieg zum berühmten, von den Frauen umschwärmten Komponisten, den man seiner Haare wegen den „roten Priester“ nennt, aber auch seine Demütigung in Rom, weil Ruffo, der offenbar mehr für Vivaldi empfindet, diesem nicht verzeiht, dass er ihm die Sängerin Annina, mit der er in wilder Ehe zusammenlebt, vorzieht. Und wir erleben ihn schließlich in Wien, wo er in wilder Hast an seiner Oper für den Kaiser schreibt, den Wettlauf mit der Zeit jedoch verliert, als der Kaiser überraschend stirbt. Es ist ein Buch prall gefüllt mit starken Szenen und dramatisch zugespitzten Konflikten, abwechslungsreich, witzig, aber auch zutiefst berührend. „Vivaldis Leben war natürlich spannend“, sagt Angelika Messner, „mit all den Mädchen um ihn herum. Daraus haben wir begonnen, die Geschichte zu entwickeln. Für mich war es inhaltlich schon ein Rätsel, wie ein Mann mit über 60 Jahren, was damals wirklich ein hohes Alter war, noch einmal alles hinter sich lässt, um ein neues Leben zu beginnen. Das hat Raum für allerlei Überlegungen gegeben. Wir arbeiten an dem Projekt schon sehr lange. Es ist wie ein Bild, das wir öfters übermalt haben. Manche Szenen haben wir wieder verworfen, andere dafür weiterentwickelt.“

FLIESSENDE ÜBERGÄNGE
Als sich Christian Kolonovits an die Arbeit machte, drängte sich ihm ein Sänger sofort für die Titelpartie auf: Musicalstar Drew Sarich. „Für niemanden sonst hätte ich mich ein hohes H zu schreiben getraut. Das kann allein Drew. Er hat diese Höhe und geht sogar bis zum C hinauf mit seiner Beltstimme. Er war von Anfang an meine Klangvorstellung für Vivaldi, wie übrigens Boris Pfeifer, dieser großartige Rock-Bariton, es für Goldoni gewesen ist. Auch die melodisch-rhythmischen Zusammenhänge in Vivaldi, dieses Vorphrasieren der Sechzehntel etwa, in dem Drew zuhause ist, würde ich mich für einen klassischen Sänger nie zu schreiben trauen. Ich bin daher gespannt, wenn später einmal jemand anderer diese Rolle übernehmen wird.“
Um beim Komponieren Vivaldi möglichst nah zu sein, mietete Christian Kolonovits in Venedig ein Apartment, mit Blick auf Santa Maria della Pietà. Doch es kam anders, ein neues Projekt hatte größere Priorität, die Oper El Juez, die er gemeinsam mit Angelika Messner für José Carreras schrieb. „Ich war total unglücklich. Ich saß in Venedig, habe auf Vivaldi rübergeschaut, musste aber an El Juez arbeiten. Zwei Jahre hat die Unterbrechung gedauert, dann erst konnte ich wieder zu Vivaldi zurückkehren.“ Doch der Qualität seiner Musik tat das keinen Abbruch. Wenn man den Klavierauszug durchspielt – der noch nichts über die Arrangements verrät, die eine besondere Stärke von Christian Kolonovits sind –, lernt man eine einfallsreiche, äußerst vitale und atmosphärisch dichte Musik kennen, voller Empathie für die Figuren, zugleich aber jeder Szene einen eigenen musikalischen Raum erschließend. Häufig sind Zitate aus Werken Vivaldis eingebaut, die aber bruchlos in Kolonovits’ eigene Musik übergehen. „Auf diese fließenden Übergänge kam es mir sehr an. Bei allem Respekt vor Vivaldis großartiger Musik muss man die Angst überwinden. Ich glaube, Vivaldi wäre der Erste gewesen, der jeden Respekt über Bord geworfen hätte.“

ROCKBAND MIT ORCHESTER
Angelika Messner und Christian Kolonovits zeigen Vivaldi als starke Persönlichkeit, der sich über alle Konventionen hinwegsetzt. Typisch dafür ist jene Szene, in der die Schwestern Giró erstmals in sein Leben treten. Annina, „wie die Karikatur einer Diva“ herausgeputzt – wie es in der Regieanweisung heißt –, wird bei ihrem Versuch, ihre Kunstfertigkeiten zu beweisen, von Vivaldi jäh unterbrochen. „Runter die Perücke“, ruft er ihr zu, weg mit all der Fassade und Schminke. Worauf es in der Kunst ankommt, ist Wahrhaftigkeit. „Das ist schon eine starke Haltung“, sagt Christian Kolonovits. Und Angelika Messner ergänzt: „Goldoni war ihm darin sehr ähnlich.“ Im realen Leben hat der junge Goldoni übrigens zwei Mal tatsächlich als Librettist für Vivaldi gearbeitet, bei der verloren gegangenen Oper Aristide und indem er Apostolo Zenos Libretto zu Griselda adaptierte. Den Änderungswünschen des Komponisten hat sich Goldoni nur widerwillig gefügt, die Oper aber dennoch als wunderbar gelungen bezeichnet.
Vollauf gelungen ist auch Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit. Was mit dieser gemeint ist, erschließt sich ganz am Ende der Oper. Für die Volksoper ist das Stück eine gewaltige Herausforderung, erstmals kommt nämlich auch eine Rockband zum Einsatz, die sich im Graben mit dem hauseigenen Orchester verbinden muss. „Das wird sehr spannend“, sagt Christian Kolonovits, „aber alle sind mit großem Einsatz bei der Sache. Ich freue mich sehr darauf.“

Peter Blaha



DIE BÜHNE ALS E-PAPER

als PDF downloaden



 

 

 

 
Adressen und Anfahrt
Allg. Kartenverkauf
Internet-Kartenverkauf
bundestheater.at-CARD
english information

 Schnellsuche Spielplan

 GO
 
Erw. Spielplansuche
Volltextsuche
Persönliches Service
Persönlicher Kalender
Newsletter
Newsletter anmelden
Einstellungen verwalten

Pressezentrum
anmelden

Kontakt
AGB
Info nach § 5 Abs. 1 ECG
Impressum