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02.06.2017

Liebe, Tod und Elefanten


Karin Bergmann. Die Burgherrin präsentiert für die kommende Saison 2017/18 einen attraktiven Spielplan und spannende Regisseure.
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Wie immer hat Karin Bergmann den Vorhaben für die neue Spielzeit, die sie Ende April mit ihrem Team auf der Bühne des Burgtheaters vorstellte, ein Motto vorangestellt, das diesmal aus dem neuen „Jedermann“ stammt, den Ferdinand Schmalz im Auftrag der Direktorin geschrieben hat: „es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht“. Dieses Zitat, erläuterte die Burg-Herrin, „bezeichnet das, was wir momentan in der Politik und in der Gesellschaft erleben. Maximen, die bis vor Kurzem noch galten, werden aufgekündigt und andere Losungen ausgegeben. Daraus resultieren eine große Verunsicherung der Gesellschaft und Turbulenzen, vor allem was die politischen Strömungen betrifft. Und unter diesem Aspekt der sich drehenden Perspektivenwechsel haben wir auch unsere Stoffe, unsere Stücke für die neue Saison ausgesucht.“
Auf dem Programm stehen 21 Premieren, von denen elf als Ur- und Erstaufführungen firmieren, was eine herzhafte Risikobereitschaft signalisiert. Präsentiert werden neue -Stücke von Thomas Köck, Ferdinand Schmalz, Josef Winkler, Wolfgang Bauer und Ewald Palmetshofer, womit sich ein, laut Karin Bergmann, so gar nicht geplanter Österreich-Schwerpunkt im Spielplan ergeben hat, wozu noch Joseph Roths „Radetzkymarsch“ kommt. Aber es wird natürlich auch über die Grenzen hinausgeblickt, und da gibt es neue Stücke von Yade Yasemin Önder, Noah Haidle oder Ayad Akhtar zu entdecken. Doch alles der Reihe nach.
Es werden nicht nur brandneue Dramen geboten, sondern auch Klassiker der Moderne wie Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“, mit der in einer Koproduktion mit den Salzburger Festspielen am 3. September die Saison im Akademietheater eröffnet wird. Andrea Breth inszeniert die finstere Komödie des Nobelpreisträgers aus dem Jahr 1957, in der Gewalt in eine ordentliche bürgerliche Gesellschaft einbricht und sie zu zerstören droht. Karin Bergmann freut sich, die große Regisseurin in dieser Saison „gleich zweimal im Haus zu haben“, denn Andrea Breth wird im April 2018 an der Burg auch noch Eugene O’Neills Familienkampf-Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ leiten. Und David Bösch, der Bewährte, steuert zuvor im Februar in dieser Sparte der Klassischen Moderne noch Tennessee Williams’ „Glasmenagerie“ bei.
Im Burgtheater wird die Saison am 6. September mit „einem großen Ensemblestück“ eröffnet, mit Shakespeares „Sommernachtstraum“, den Leander Haußmann spinnen wird, der nach 23 Jahren ans Burgtheater zurückkehrt. Die neue Saison wird im Burgtheater dann auch mit Shakespeare enden: Antú Romero Nunes lässt im Mai 2018 „Macbeth“ durch ein ‚Meer von Blut‘ waten. Doch zurück zum Start: Nach Pinter folgt am 9. September im Akademietheater Robert Borgmanns Erstaufführung von „paradies fluten“, Thomas Köcks erstem Teil seiner Klimatrilogie, in dem einer der sprachmächtigsten jungen österreichischen Autoren in verstörenden Bildern den Wahnsinn des Raubbaus der Menschen an der Natur und an sich selbst zeigt. Am 27. September folgt im Kasino Yade Yasemin Önders „Kartonage“, ebenfalls eine österreichische Erstaufführung und Koproduktion mit den Autorentheatertagen Berlin. Das Ehepaar Werner hat sich vor der bedrohlichen, viel zu schnellen Außenwelt in einen Karton zurückgezogen, in dem finstere Abgründe auf grelle Komik treffen.
Die nächste Premiere im Burgtheater am 21. Oktober wird Alvis Hermanis bestreiten, der eine „böse Komödie“ von Alexander Ostrowski mitbringt, „Schlechte Partie“, ein hierzulande unbekanntes Stück, das aber mit der bekannten These arbeitet, dass wer Geld hat, die Liebe kaufen kann. Im Vestibül des Burgtheaters bekommen indessen weiterhin ehemalige Assistenten eine Chance, „ihre ersten künstlerischen Fingerabdrücke zu hinterlassen“: So inszeniert Sara Abbasi im Oktober dort die Erstaufführung von Haidles „Saturn kehrt zurück“.
Vor längerer Zeit schon hat Karin Bergmann bei Josef Winkler, den sie „für einen der spannendsten und wichtigsten Autoren Österreichs“ hält, ein Stück bestellt. Das Ergebnis „Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe“ wird nun im November von Alia Luque im Kasino aus der Taufe gehoben. Schon im Titel klingen jene Themen an, die Winklers ganzes Werk obsessiv durchziehen. Als Nächstes präsentiert Jette Steckel im November mit dem „Volksfeind“ in der Burg eines der zentralen Werke Ibsens, das die Frage stellt: „Geht es um Verantwortung oder geht es um Profit?“ Der November zeitigt im Akademietheater auch noch eine verrückte Refugee-Welcome-Uraufführung: Peter Wittenberg präsentiert Simon Verhoevens Erfolgs-Filmkomödie Willkommen bei den Hartmanns auf der Bühne. Ebendort bringt dann Dušan David Pa?ízek im Dezember Ewald Palmetshofers Überschreibung von Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenaufgang heraus.
Einen gewissen Stolz ließ die Burgherrin darüber erkennen, dass es für die neue Spielzeit insgesamt gelungen ist, eine „spannende Riege von Regisseuren“ aufzubieten. Für zwei davon musste sie sich drei Jahre anstellen. Der Erste, der gefeierte niederländische Regisseur Johann Simons, wird im Dezember zu seinem Burg-Debüt Joseph Roths Jahrhundertroman Radetzkymarsch für die Bühne adaptieren, „eines der Herzstücke der neuen Saison“, so Karin Bergmann. Und der Zweite, der Belgier Luk Perceval, hierzulande immer noch berühmt für seinen gewaltigen Shakespeare-Marathon „Schlachten!“ bei den Salzburger Festspielen 1999, stellt im März am Akademietheater „Rosa Rozendaal“ vor, nach dem Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“.
Ferdinand Schmalz hat einen neuen „Jedermann“ geschrieben: „jedermann (stirbt)“, das „zweite Herzstück im Burgtheater“, dessen Uraufführung der zweifache Nestroy-Preisträger Stefan Bachmann besorgt. Der heutige Jedermann ist kein prächtiger Schwelger mehr, sondern ein knallharter Geschäftsmann neoliberalen Zuschnitts. Ferdinand Schmalz hat die ‚Verwesungskonserve‘ Hofmannsthals aufgebrochen, die Konflikte verschärft, lustvoll an Sprache sowie Versmaß geschraubt und die Charaktere runderneuert.
Die letzte Uraufführung der Saison im April hat den Rang einer Sensation und bedeutet für Karin Bergmann das „dritte unserer Herzstücke“: Wolfgang Bauers „Der Rüssel“, mit 21 Jahren 1962 geschrieben, dann verschollen und erst im Februar 2015 im Nachlass eines Leibnitzer Komponisten wieder gefunden. Ein Volksstück, geschrieben wie auf Koks, ein Dorf in den Alpen wird klimatisch über Nacht zu Afrika, Palmen wuchern, Riesenschnecken tummeln sich, und dem Wildbach entsteigt ein Elefant. Die Dorfbevölkerung wittert sofort den Profit, der aus dem Fremdenverkehr kommt. Christian Stückl wird im Akademietheater die Expedition in dieses Bananendorf starten. Und als letzte Erstaufführung inszeniert Felix Prader dann im Mai ebendort Ayad Akhtars „The Who and the What“, das in Deutschland bereits mit großem Erfolg gezeigte Stück, das auf pointierte und reizvolle Weise das Verhältnis des Islam zur Rolle der Frau in der Gesellschaft beleuchtet.

Lothar Lohs



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