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02.06.2017

Der Klang des Unergründlichen


Pelléas et Mélisande: Marco Arturo Marelli inszeniert an der Wiener Staatsoper Claude Debussys einzige vollendete Oper. Alain Altinoglu dirigiert.
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Diese Oper ist ein Werk ohne Vorlage und ohne Nachfahren, ein Wunder. Und ein Werk, an dem sich die Geister scheiden“, sagt Marco Arturo Marelli über Debussys „Pelléas et Mélisande“. Der Regisseur und Bühnenbildner verwandelt sofort Fakten in Szene: „Betrachtet man die Gattung Oper als Baum, gibt es etwa einen Ast italienische Oper, einen Ast Wagner, die russische Oper – jeder Ast ist voller Blätter. Und dann gibt es einen einsamen Ast, an dem ein einziger goldener Apfel hängt. Das ist „Pelléas et Mélisand“e. Für die einen ist es das Opus non plus ultra, wie für mich, die anderen können nichts damit anfangen.“
Als Debussy 1893 Maurice Maeterlincks gleichnamiges Stück im Théâtre de l’Œuvre in Paris kennenlernte, war er sofort fasziniert von dem Dichter, „der die Dinge nur halb ausspricht“. Mit Maeterlincks Text konnte Debussy seine Vision von einer neuen dramatischen Form und Musik umsetzen. „Die Musik beginnt da, wo das Wort unfähig ist auszudrücken; Musik wird für das Unaussprechliche geschrieben“, hatte er bereits 1889 seinem Kompositionslehrer Ernest Giraud gegenüber geäußert.

MUSIK DER SCHATTEN
Das Unergründliche, Unaussprechliche zu fassen, stellt für Marco Arturo Marelli die Herausforderung dar. „Die symbolistische Handlung darf für den Zuschauer nicht unerklärbar bleiben. Ich erzähle die Geschichte daher zunächst realistisch plausibel.“ Der Schweizer Theatermann skizziert: „Grob gesagt ist das Stück eine Dreiecksgeschichte zwischen den Halbbrüdern Golaud und Pelléas und Mélisande. An der Oberfläche ist die Geschichte einfach, daraus kann ich die zweite Ebene, das Unbewusste, die Doppeldeutigkeit entwickeln.“
Debussy hat dem Unergründlichen Klang verliehen. „“Pelléas et Mélisande“ ist Musik der Schatten, der Dunkelheit“, sagt der Dirigent der Produktion Alain Altinoglu. „Man kann es nicht erklären, aber die Musik löst einen permanenten Zustand der Angst und Beklemmung aus. Debussy unterstreicht das Mysteriöse durch Tremoli, Triller, dem ‚sul tasto‘ in den Streichern. Er hat den Orchesterklang zehn Jahre mit sich herumgetragen.“

KOMPONIERTE STILLE
Die Entstehungsgeschichte von „Pelléas et Mélisande“ ist ebenfalls vielschichtig. Debussy machte sich noch 1893 an die Vertonung, begann mit dem 4. Akt. Das Libretto hatte er mit Hilfe – und im besten Einvernehmen – mit Maeterlinck in Gent eingerichtet. Im September 1893 schrieb er an seinen Schwager, den Komponisten Ernest Chausson: „Ich habe ein Mittel angewandt, das mir recht ungewöhnlich erscheint, nämlich die Pause. Sie dient als Ausdrucksträger und vielleicht als einzige Möglichkeit, den Empfindungsgehalt einer Phrase zur Geltung zu bringen.“
Alain Altinoglu kämpft für Debussys komponierte Stille: „Die Pausen – im Französischen übrigens ‚silence‘ – sind in „Pelléas und Mélisande“ ungeheuer wichtig. Es ist essenziell, diese Stille zu respektieren. Debussy lässt das Orchester schweigen, wenn Pelléas und Mélisande einander ihre Liebe erklären. Viele möchten die Pausen kürzen. Aber ich würde sogar, wenn sich das in unserer Produktion machen lässt, mit einer bewussten Stille vor der Aufführung beginnen.“ Alain Altinoglu ortet die Bedeutung der Stille für Debussy in dessen Jugend. „Er probierte am Klavier neue Akkorde aus, experimentierte mit dem Pedal und ließ Klang und Vibrationen bis in die Stille hinein verklingen.“
Bei der Generalprobe am 27. April 1902 ging Debussys komponierte Stille im Tumult unter. Mit den Proben hatten die Schwierigkeiten begonnen: ein Zerwürfnis mit Maeterlinck über die Besetzung der Mélisande – statt dessen Frau Georgette Leblanc engagierte der Direktor der Opéra-Comique die schottische Sängerin Mary Garden – landete vor Gericht. Maeterlinck wollte die Aufführung verhindern, das Gericht entschied zugunsten Debussys. Bei den Proben stellte sich zudem heraus, dass die Zwischenspiele für die Szenenwechsel zu kurz waren. „Debussy hat in der Nacht zwischen den Proben nachkomponiert“, erzählt Altinoglu. „Er distanzierte sich damals bereits von seiner ursprünglichen Begeisterung für Wagner. Aber für mich gehören diese Zwischenspiele zum ‚Wagnerischsten‘, das Debussy komponiert hat.“
Derartige Feinheiten hörte im Aufruhr in der Generalprobe niemand. „Das Publikum war schockiert, dass es keine Melodien ausmachen konnte“, erklärt Alain Altinoglu. „Debussy hat die Musik zur Unterstützung der Sprache komponiert, wie ein recitativo perpetuo. Die französischen Opern bis dorthin – Carmen etwa – waren alle noch in der Tradition des Belcanto komponiert.“
Debussy gab sich angesichts des Skandals stoisch: „Ich schreibe Dinge, die erst die Enkel im 20. Jahrhundert verstehen werden.“ Die Uraufführung der Oper am 30. April 1902 verlief ohne Zwischenfälle, einige Wochen später gab es sogar ausverkaufte Vorstellungen.

ENDZEITSTIMMUNG
115 Jahre später steht „Pelléas et Mélisande“ dennoch selten auf den Spielplänen. Die letzte Vorstellung an der Wiener Staatsoper ging 1991 über die Bühne. Fehlt auch im 21. Jahrhundert noch das Verständnis für Debussys tiefgründiges Werk? Marco Arturo Marelli: „Verstehen – was ist das? Arkel spricht es schon im zweiten Bild an: ‚Wir sehen immer nur die Kehrseite des Schicksals.‘ Ein allumfassendes Verstehen ist uns nicht gegeben.“
Den Figuren bleiben Erkenntnis und aktives Eingreifen in das eigene Schicksal verwehrt. „Schloss Allemonde – zu Deutsch Allerorten – ist ein Ort, von dem es kein Entrinnen gibt. Ab dem 3. Bild, in dem das Schiff abfährt, mit dem Mélisande und Golaud gekommen sind, bleiben die Figuren von der Außenwelt abgeschnitten. Wir sehen vier Generationen, die in einem Familienleben eingeschlossen sind, in dem alle versuchen, die Energie von Mélisande, diesem neuen, jungen Lichtwesen aufzunehmen“, erläutert Marelli. „Alle wollen sich in ihrer Seele spiegeln. Allemonde ist für mich der Rückzugsort einer Endzeitstimmung.“
Diese Stimmung war für Marellis Konzeption des Bühnenraums ausschlaggebend. „Schloss Allemonde ist eine Ruine am Wasser. Das Wasser als Ort des Unerklärlichen, Dunklen spielt eine zentrale Rolle. Mélisandes Symbol ...“ – Marelli unterbricht sich und fährt mit einem Schmunzeln fort –, „ja, auch ich komme nicht ganz ohne Symbole weg –, Mélisandes Symbol ist ein weißes Boot, das ab dem 3. Bild immer irgendwo platziert sein wird, ein Symbol ihrer Psychologie. Sie hat auf jeden Fall eine Vergangenheit, hat in einer Beziehung Schiffbruch erlitten, von einem Mann ist die Rede, einer Krone. Mélisande ist für mich eine Frau, die von irgendwo kommt, an der sich die Alten wärmen wollen. Das berührt mich sehr.“
Der Schluss der Oper bleibt für Marelli die größte Unergründlichkeit. „Am Ende gleitet Mélisande in ihrem Boot in eine andere Welt. Die Musik ist ein wunderschönes Hinausgleiten. Das wird auch der einzige Moment sein, in dem Farbe und Licht eine Rolle spielen.“ Marelli lässt Stille wirken. „Ob Mélisande stirbt? ... Ist es wichtig? ... Vielleicht ist der Tod etwas viel Größeres als das Leben. Wir wissen es nicht.“

Petra Haiderer







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