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11.12.2016

Der Widerstand gegen den Terror, der mit Gott kommt


Martin Kusej. Der Theatermacher der Extreme inszeniert am Burgtheater Arthur Millers „Hexenjagd“ und zielt damit auf die FPÖ.


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Er ist wieder da! Martin Kušej, der Ausnahme-Regisseur, der dem Burgtheater einige der prägnantesten Inszenierungen seiner jüngeren Geschichte beschert hat. Man erinnere sich nur an die neue, aufwühlende Sicht auf Österreichs Nationaldichter Grillparzer, dem er den Staub von der Statue klopfte mit seiner Version von „Weh dem, der lügt“ (1999) sowie „König Ottokars Glück und Ende“ (2005). Oder seine Tiefenbohrung in Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“ (2001), die Dreck und Blut zutage förderte und zum Berliner Theatertreffen der Besten eingeladen wurde. Und dann diese grandiose, mit einem Nestroy für die „Beste deutschsprachige Aufführung“ gekrönte Nestroy-Aktualisierung von „Höllenangst“, in der Nicholas Ofczarek seinen Durchbruch feierte. Damals, 2006, als Martin Kušej Schauspielchef der Salzburger Festspiele war, wurde er auch auf der medialen Gerüchtebörse als einer der Favoriten für den Burg-Thron in der Nachfolge Klaus Bachlers gehandelt. Doch keiner der Journalisten, die das damals in die Welt setzten, hatte sich die Mühe gemacht, mit Kušej darüber zu reden. Genauso wenig wie es der damalige Staatssekretär Franz Morak der Mühe wert fand, mit Österreichs renommiertestem und wichtigstem Theatermacher ein Sondierungsgespräch zu führen. Nein, der Schmalspurpolitiker ging hin und engagierte Matthias Hartmann. Die Folgen sind aktenkundig.
Martin Kušej selber hatte niemals mit dem Posten gerechnet und angewidert vom „respektlosen und arsch-kriecherischen Schmierentheater“ der hiesigen Kulturpolitik samt Medien, beschloss er, dass österreichische Bühnen in seinen Zukunftsplänen keine Rolle mehr spielen sollten. Nur einmal noch, 2008, kam er zurück für die Inszenierung von Schönherrs „Weibsteufel“, weil ihm mit Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek und Werner Wölbern ein Besetzungsangebot gemacht wurde, das er nicht ablehnen konnte. Es wurde eine dieser Sternstunden des Theaters, die Kušej dann nach München mitgenommen hat, als er 2011 Intendant am Residenztheater wurde. Nun, nach acht Jahren Pause, arbeitet er wieder am Burgtheater, und der Empfang, erzählt er, war so warm und herzlich vom Pförtner bis zu den Schauspielern, von der Requisite bis zur Bühnentechnik, dass er das Gefühl hatte, „nach Hause zu kommen“.

KANDIDAT
Es gab 2006 viele Stimmen, die meinten, Martin Kušej wäre der viel spannendere Kandidat für den Chefsessel des Burgtheaters gewesen als Matthias Hartmann. Damals wurde die Chance vergeigt, aber 2019 endet Karin Bergmanns Vertrag als erste Burgherrin der Geschichte, das heißt, bald muss ein neuer Direktor bestellt werden. Doch Martin Kušej winkt sofort ab: „Mein Name wird gerade wieder zu oft spekulativ in den Ring geworfen. Bestellungen dieser Art müssen ruhig und im Hintergrund gemacht werden. Faktum ist, dass das Burgtheater über ein tolles Ensemble verfügt, ähnlich wie das Residenztheater. Für mich ist der Ensemblegedanke der entscheidende Faktor für ein Theater dieser Größenordnung. Und es kommen politisch turbulente Zeiten auf uns zu, das könnte mich schon reizen. Keine Frage, es ist ein Haus in der Liga, in der ich spiele. Aber es braucht auch von Seiten der Kulturpolitik dringend eine Idee, ein Konzept, wie man das Burgtheater in Zeiten der digitalen Revolution positioniert und was ,kulturelle Institution‘ mittel- und langfristig bedeuten soll. Das wären spannende Fragen, ohne deren Lösung ich nicht zur Verfügung stehe. “
Natürlich, Martin Kušej hat sich bis 2021 an München gebunden, aber Verträge haben in solchen Angelegenheiten noch nie eine wirkliche Rolle gespielt. Doch jetzt steht einmal die Inszenierung von Arthur Millers „Hexenjagd“ auf dem Programm, ein wohlbekanntes, in der letzten Zeit wieder gern gespieltes Stück, weil es vom Terror im Namen Gottes handelt, aber auch sehr altbacken daherkommen kann. Arthur Miller hat eine Geschichte aufgegriffen, die sich 1692 im frommen Salem, Massachusetts wirklich ereignete, als einige Mädchen bei einem nächtlichen, sexuell aufgeladenen Tanz der Lebenslust im Wald erwischt wurden und aus Angst vor der Bestrafung den Teufel erfanden, der in andere Dorfbewohner gefahren war und von diesen scheinbar unbescholtenen Wirtspersonen aus sie verhext und wie „ein Raubtier am Fleisch der lauteren Lämmer gezehrt“ hatte. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, und es folgte eine gnadenlose Teufelshatz, die zwanzig Unschuldige an den Galgen brachte. Die Frage lautet allerdings, ob diese Geschichte geeignet ist, den aus heillosem Gotteswahn inspirierten Terror zu erhellen, mit dem die Islamisten Europa überziehen?

IM NAMEN GOTTES
„Terror“, antwortet der Regisseur, „heißt schon das Motiv, warum ich das Stück inszeniere, aber jetzt nicht in dem Zusammenhang, den man mit diesem Schlagwort momentan verbindet, sondern ich verknüpfe damit ein Bild, auf dem man H.C. Strache sieht mit einem Kreuz in der Hand, und ich sehe das Bundespräsidenten-Wahlkampfplakat von Norbert Hofer mit dem Slogan ,So wahr mir Gott helfe‘: Das ist exakt der Terror im Namen Gottes, den ich fürchte, und deswegen inszeniere ich dieses Stück.“ Nun hat das Stück aber eine gewisse vormoderne Ästhetik und Theatralik, die für solche Aktualisierungen wohl erst aufgebrochen werden muss? „Die Ästhetik schon, weil es sich um einen Klassiker des amerikanischen Theaters handelt und das bedeutet historische und psychologisch realistische Genauigkeit. Ich denke schon, dass es notwendig ist, das Stück aus dem realistischen Ambiente der strengen Puritaner im Salem des Jahres 1692 herauszusprengen. Das Stück selber verfügt über eine enorme Theatralik, einen perfekten Plot, spannende Figuren und ein großes Thema: Wie kann es geschehen, dass in einer Gesellschaft innerhalb kürzester Zeit sämtliche Parameter des gesunden Menschenverstandes, des Zusammenlebens, der Humanität, der Nächstenliebe und der Toleranz außer Kraft gesetzt werden? Auch das motiviert mich, dieses Stück zu bringen, weil ich die starke Befürchtung hege, dass auch wir direkt in so eine Katastrophe hineinlaufen. Arthur Miller schrieb in seiner Autobiografie, dass dieses Stück immer als Warnung vor einer kommenden Tyrannei Relevanz hat oder als Erinnerung an eine gerade überwundene.“
In „Hexenjagd“ zeigt Arthur Miller auch schonungslos, dass die Diktatur der Gottesfürchtigen und Ordnungswütigen nur eine Fassade darstellt, hinter der Argwohn und Neid herrscht, Hass, Rachegelüste, Gewinnsucht, ja die blanke Gier, die das Schlachtfeld der Moral dazu benützt, alte Rechnungen zu begleichen und seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Und weil Kušej die gesellschaftliche Verortung seiner Inszenierung mit den Namen Strache und Hofer markiert hat, kommt die Erinnerung hoch an die FPÖ unter Haider, die gegen das versumpfte, korrupte, verkommene Establishment hetzte, doch als sie von Kanzler Schüssel an die Fleischtöpfe der Macht herangelassen wurde, alles Sauberkeitsgefuchtel und das Retterimage des kleinen Mannes fahren ließ, um die Republik als Selbstbedienungsladen in Haft zu nehmen, vom Finanzminister bis zum Werbefuzzi. Die Prozesse gegen die „Was war mei’ Leistung“-Abräumerpartie beschäftigen die Gerichte bis heute. Viele sind schon im Gefängnis, manche warten noch darauf.

VERHETZUNG
Doch jetzt mit Strache und Hofer als Protagonisten hat die Bedrohung durch die FPÖ noch eine neue Dimension angenommen, weil sie vernetzt ist mit einem chauvinistischen Rechtsdrall in ganz Europa, der durch den Wahlsieg Donald Trumps in Amerika gewaltig befeuert wird. Der neue US-Präsident hat vorgezeigt, wie man ohne profundes Regierungsprogramm alleine durch Wutanfälle gegen das Establishment und Aufhetzung bzw. Angstbewirtschaftung der Deklassierten, Furchtsamen und Perspektivelosen eine Wahl gewinnen kann. Deshalb fürchtet Martin Kušej durchaus ernsthaft, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern: „Das Beispiel von Ungarn oder Polen zeigt, dass es dort möglich war, innerhalb kurzer Zeit wesentliche Parameter der Demokratie abzubauen, und es besteht kein Zweifel, dass die FPÖ, wenn sie an die Macht kommt, Ähnliches probieren wird. Was mich dabei schockiert, ist das Kurzzeitgedächtnis der Wähler, die anscheinend vergessen haben, dass die FPÖ in der Regierung unter Schüssel nichts nach vorne gebracht hat, außer Minister zu verschleißen. Und der Vorzeigeknabe aus der Buberlpartie, der glorreiche, aber heute unter Korruptionsverdacht stehende Finanzminister von damals wird vermutlich auch bald vor Gericht stehen. Die FPÖ hat in Kärnten ein von Bestechlichkeit, Betrug und privater Bereicherung total devastiertes Land am Rand des Bankrotts hinterlassen. Dass die Wähler das alles vergessen haben, da könnte ich einfach kotzen.“
Aber was kann das Theater gegen den drohenden Rechtsrutsch tun? Als Motto über der heurigen Saison am Residenztheater steht: Der Feind im Inneren. Wir leben in dramatischen Zeiten und das braucht Dramatik? „Der neueste Slogan lautet: Macht braucht Zeugen. Wir unterhalten den Versuch, in einem großen bürgerlichen Staatstheater eine klare politische Haltung zu zeigen und eine dementsprechende Message zu lancieren. Das Problem des Theaters aber liegt darin, dass es schon sämtliche Phasen von Provokation und Widerstand durchlaufen hat wie die meisten Kunstformen. Die politische Sprengkraft von Theater liegt naturgemäß eingebunden in der Institution selbst. So liegt es zusätzlich an den Repräsentanten, den Künstlern, den Intendanten, Direktoren und Museumsleitern öffentlich auf politische Entwicklungen zu reagieren, indem sie sagen, wir machen da nicht mit. Das ist meine Möglichkeit als Theatermacher, in München und vor allem mit dieser Inszenierung hier am Burgtheater: auf den Putz zu hauen, die Leute wachzurütteln und mich aktiv zu wehren, gegen Repression und Unmenschlichkeit.“
Damit ist das Gespräch beim Intendanten Kušej gelandet, der bei seiner Neupositionierung des Residenztheaters einige Probleme meistern musste, die daraus resultierten, dass er von seinem Vorgänger Dieter Dorn ein Art Bollwerk des konservativen Theaters übernommen hatte. Was musste Martin Kušej als frischgebackener Intendant lernen? „Die Lehrjahre waren, dass man in so einem Theater mit einer Zuschauerstruktur, wie ich sie vorgefunden habe, nicht von heute auf morgen alles auf den Kopf stellen kann. Da waren ich und mein Team zu forsch und wir haben eine Kurskorrektur vornehmen müssen: Wenn man so Klassiker wie „Faust, Prinz Homburg“ oder „Die Räuber“ im Spielplan führt, ist das eine Garantie dafür, dass viel mehr Zuschauer kommen, die dann auch die neuen Stücke besuchen. Geholfen den richtigen Weg zu finden hat mir übrigens auch Karin Bergmann, die mir in dieser Zeit die eine oder andere Lehrstunde in Management gegeben hat: Was muss man auch noch über die neuralgischen Punkte wissen, wenn man ein großes Haus leitet. Die künstlerischen Lehren musste ich dann selber ziehen, aber wir tauschen uns auch heute noch permanent aus. Ich bin stolz auf diese Freundschaft.“

ENERGIEZUSAMMENBRUCH
Die Neupositionierung des Residenztheaters hat schließlich geklappt, das Haus boomt, auch wenn der Intendant „noch überhaupt nicht zufrieden ist“ und höchstens konzediert, „dass wir auf einem guten Weg sind“. Es werden „satte schwarze Zahlen“ geschrieben und die Auslastung liegt bei hervorragenden 80 Prozent, für ein deutsches Sprechtheater sensationell. Und wie schaut das Verhältnis des Intendanten Kušej zum Regisseur Kušej aus? „Zerrüttet“, lacht er auf, „der Regisseur war gewohnt, nach Produktionen eine Relaxphase zu bekommen, weil man nach Inszenierungen wieder leer werden sollte, um in eine neue hineingehen zu können. Doch in dieser Zeit muss jetzt der Intendant seiner Arbeit nachgehen, und das führt dazu, dass ich permanent am Rande eines Energiezusammenbruchs entlangschramme.“ Dazu hat sich Martin Kušej noch eine dritte Identität zugelegt, er kümmert sich als Professor für Regie am Reinhardt Seminar um den Nachwuchs, dass die Stars von morgen nicht nur Ideen haben, sondern auch das Handwerkszeug sie umzusetzen. Obwohl es viel Kraft kostet, seufzt er, „macht es wahnsinnig Spaß zu unterrichten und sich mit jungen Menschen auszutauschen“.
Nun muss man aber schon sagen, dass der Regisseur Kušej nicht nur unter dem gleichnamigen Intendanten leidet, sondern in schöner Regelmäßigkeit mit Projekten betraut wird, mit denen er Furore machen kann, was mit der Eröffnungsinszenierung 2011 am Residenztheater angefangen hat, als Kušej Schnitzlers „Ein weites Land“ inszenierte, wie man es noch nie gesehen hat: Bilder einer erstarrten, verkommenen Gesellschaft, hinter deren Fassade Blut fließt, Gier und Gewalt herrscht. Oder seine auch hier im Burgtheater gezeigte Ibsen-Version von „Hedda Gabler“, in der er mit Birgit Minichmayr in der Titelrolle radikal Schluss gemacht hat mit dem diskreten Charme der Bourgeoisie. Oder seine Schnittmenge von Goethes „Faust I & II“, in der er den metaphysischen Rahmen des Dramas abräumte: Es gibt keinen Gott und keine Wette um Fausts Seele, sondern ein Biedermann von heute in der Sinnkrise wird von Mephisto in eine kalte, kaputte Welt des Chaos und des Untergangs geführt. Das wurde 2014 mit einem Nestroy für die „Beste deutschsprachige Aufführung“ belohnt. Martin Kušejs Arbeiten in München bestätigen, dass er geblieben ist, was er immer schon war: ein Theatermacher der Extreme, ein Störenfried und brachialer Bühnenvisionär. Immer noch besteht der Treibstoff des ganzen Kušej-Theaters aus Risikolust, analytischer Intelligenz, Zorn, Konsequenz, Sinnlichkeit, Bildmächtigkeit und dem unbedingten Willen, auf der Bühne stets diese Gegenwart und ihr Verhängnis zu verhandeln, beharrlich ins Herz der Finsternis unserer Gesellschaft vorzustoßen. Das beschert Martin Kušej viele Feinde, Erregung, Empörung, Irritation und Ablehnung, aber, wie er einmal gesagt hat, „gegen Neid und Dummheit, gegen Missgunst und Kleinkariertheit ist kein Kraut gewachsen: Was hilft, ist Radikalität.“

Lothar Lohs



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