home > aktuell
11.12.2016

Der Einsamkeit entfliehen


Ambrogio Maestri kreiert an der Staatsoper mit Zubin Mehta und David McVicar die Titelpartie in der Neuproduktion von Verdis „Falstaff“.
Druckversion
als Text versenden
verwandte Themen
Die aktuelle BÜHNE
Wäre man in der Opernkantine zum Interview mit dem Sänger des Falstaff verabredet und hätte keine Ahnung von dessen Aussehen, würde man ihn wohl dennoch auf den ersten Blick erkennen. Ein schalkhafter Gesichtsausdruck, eine würdevolle Erscheinung, die obendrein durch respektable Leibesfülle unterstützt wird – das kann nur Ambrogio Maestri sein, jener Bariton, der die Titelpartie in Verdis letzter Oper singen wird und der als Gastwirtssohn aus dem lombardischen Pavia von den dort speisenden loggionisti, den berühmt-berüchtigten Mailänder Opernfans, zum Klavier- und Gesangsstudium angeregt wurde. Als Inkarnation der Shakespeare-Figur hat er diese bereits in Mailand, New York, Paris, München, Buenos Aires, Salzburg, Amsterdam, London – also einfach überall – verkörpert, und natürlich auch in Wien.
Nachdem er im – für diese Partie – erstaunlich zarten Alter von 29 Jahren unter Riccardo Muti das erste Mal in diese Rolle geschlüpft war, hat er sie bald an die 250 Mal verkörpert. Am häufigsten davon tatsächlich in Wien, wie der „Corriera della sera“ berichtete? „Ja, das stimmt, ich habe Falstaff an keinem Haus so oft gesungen wie hier.“ 26 Mal stand er mit dieser Partie bereits auf der Bühne im Haus am Ring. Aber nicht nur das, es war in Wien auch seine Antrittsrolle. „Das war am 2. September 2004. Ich erinnere mich noch gut daran. Direktor Ioan Holender meinte danach, ich hätte eines der schönsten Cs gesungen, das er je in diesem Haus gehört hat. Entsprechend lange habe ich es auch gehalten (lacht). Ich war noch jung, meine Rollenerfahrung war noch nicht so groß und wir hatten kaum Proben. Doch diesmal wird alles anders; wir proben lange und intensiv. Mit David McVicar haben wir einen schottischen Regisseur, der sich dem Stoff von der Warte des Shakespeare’schen Originals nähert. Als italienischer Opernsänger ist mein Falstaff-Bild natürlich von Verdi und seinem kongenialen Librettisten Arrigo Boito geprägt. Das führt für beide Seiten zu einer großen Bereicherung. Stärker als gewöhnlich zeigen wir Falstaff als dekadenten Adeligen, der die neureiche Bourgeoisie belehrt. Er sucht nicht nach der großen Liebe, sondern nach Frauen mit Geld, um sein leibliches Wohl zu befriedigen.“

ALLES IST SPASS AUF ERDEN
Sir Falstaff sendet an zwei hübsche junge Frauen, an Alice Ford und an Meg Page, zwei gleich lautende Liebesbriefe. Die beiden merken dies und beschließen, sich an Falstaff zu rächen. Dafür laden sie ihn zu sich nach Hause ein, ohne ihren Ehemännern davon zu erzählen. Diese aber bekommen Wind von der Sache und platzen in Fords Haus, wo sich Falstaff gerade zum Rendezvous eingefunden hat. Die Frauen können den Ritter noch rasch in einem Wäschekorb verstecken, dessen Inhalt samt Falstaff im Wasser der Themse landet. Selbst nach diesem Malheur tappt Falstaff noch ein weiteres Mal in die Falle der Frauen. Doch am Schluss meint er versöhnlich, dass von einem höheren Standpunkt aus betrachtet, ohnehin alles Spaß auf Erden sei: „Tutto nel mondo è burla.“ – „Tutti gabbati“ – „lauter Betrogene“ singen das zehnköpfige Ensemble und der Chor in der hinreißenden Schlussfuge. „Doch bei allem Humor, der in dieser komischen Oper selbstverständlich zu finden ist, soll in einer guten Aufführung stets durchscheinen, dass es sich im Grunde um eine traurige Figur handelt“, meint Ambrogio Maestri. „Wie wir alle spürt er, dass mit dem Älterwerden auch die Angst vor Vereinsamung wächst. Er versucht der Einsamkeit zu entfliehen, sucht Gesellschaft. Doch eine der Lehren dieser Oper ist auch, dass es sich am Ende des Lebens rächt, wenn man sich gegenüber seinen Mitmenschen nicht anständig verhalten hat. All diese Aspekte der Oper, ihre Botschaften und ihre Anregungen zum Nachdenken vermitteln sich aber nur dann, wenn man sie mit großen Künstlern wie Zubin Mehta und David McVicar erarbeiten kann. Sonst bleibt es ein oberflächlich lustiges Stück über jemanden, der poltert und trinkt und mit dem die Umwelt böse Scherze treibt. Aber das heißt nicht, dass man als Besucher unserer Vorstellung keinen Spaß haben wird. Ganz im Gegenteil!“
Ein Charakteristikum Falstaffs ist seine Leibesfülle: „Seine physischen Probleme sind auch die meinen. Ich kann ihn nur zu gut verstehen, wenn er darüber klagt, dass ihm alles weh tut. Auch meine Knie tragen meinen großen Körper nur schwer.“

FEINSCHMECKER
Als veritabler Barítono verdiano, der vom Frühwerk „La battaglia di Legnano“ bis zum „Falstaff“ vieles von dem bereits gesungen hat, was Verdi für sein Fach komponierte, kann Ambrogio Maestri kompetente Auskunft über die Einordnung des Falstaff geben: „Was die Tessitura und die vokalen Möglichkeiten betrifft, ist die Partie mit Jago, Amonasro und Simon Boccanegra vergleichbar. Verdi hat sie für Victor Maurel geschrieben, den Uraufführungs-Jago und den ersten Simon Boccanegra der Zweitfassung. Ähnlich wie bei „Otello“, der ebenfalls auf einem Libretto von Arrigo Boito basiert, ist auch in „Falstaff“ der Text von enormer Wichtigkeit. Das früher bei Verdi vorherrschende Primat der Musik gibt es in diesen beiden Opern nicht mehr. Es wird präzise Textartikulation verlangt. Als Sänger muss man sämtliche Partien kennen, um in dieser Ensembleoper bestehen zu können. Und obwohl ich „Falstaff“ in- und auswendig kann, ist es mir schon passiert, dass ich in nicht so guten Vorstellungen nicht wusste, was mein Partner singt (lacht). Ohne großes schauspielerisches Können kommt man hier – im Unterschied zu anderen Verdi-Opern – auch nicht weit. Wie wichtig dies Verdi war, zeigt sich daran, dass es in seiner ganzen Karriere nur einmal passiert ist, dass er eine Sängerin ausgewechselt haben wollte. Und das war bei „Falstaff „die Mrs. Quickly. Da war ihm die ursprünglich vorgesehene Künstlerin schauspielerisch ungenügend.“
Neben dem Falstaff zählen auch der Scarpia in „Tosca“, der Dulcamara in „L’elisir d’amore“ sowie der Don Pasquale zu Ambrogio Maestris Glanzrollen. Nun nimmt er demnächst „Il tabarro“, „Gianni Schicchi“ und „Andrea Chénier“ in sein Repertoire auf. Auf die Frage, ob Ambrogio Maestri Vorbilder habe, erstaunt seine Antwort, zumindest in Wien, nicht im Mindesten: Giuseppe Taddei. Ganz so mit der Stadt verbunden, wie dieser es war – mit Wohnsitz und Wiener Schwiegersohn –, ist Ambrogio Maestri zwar nicht. Aber was nicht ist, kann noch werden: „Die Wiener Oper und die Stadt sind mir schon sehr vertraut. Ich beherrsche zwar nicht ihre Sprache, aber ihre Küche. Zuletzt habe ich für eines meiner Kochvideos (Maestris Risotti-Rezepte sind opernweltberühmt, Anm. d. Red.) im Internet die Zubereitung von Tafelspitz auf Italienisch erklärt.“ Gibt es wohl eine idealere Einstimmung auf den Feinschmecker Falstaff in Wien!

Martin Kienzl




DIE BÜHNE ALS E-PAPER

als PDF downloaden



 

 

 

 
Adressen und Anfahrt
Allg. Kartenverkauf
Internet-Kartenverkauf
bundestheater.at-CARD
english information

 Schnellsuche Spielplan

 GO
 
Erw. Spielplansuche
Volltextsuche
Persönliches Service
Persönlicher Kalender
Newsletter
Newsletter anmelden
Einstellungen verwalten

Pressezentrum
anmelden

Kontakt
AGB
Info nach § 5 Abs. 1 ECG
Impressum