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11.12.2016

In eine andere Welt eintauchen


Die Zirkusprinzessin. Emmerich Kálmáns Operette wird an der Volksoper von Thomas Enzinger inszeniert. Astrid Kessler singt die Titelrolle.

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„Die Zirkusprinzessin“, 1926 im Theater an der Wien uraufgeführt, war ein rauschender Erfolg, fast so groß wie jener der „Csárdásfürstin“ (1915) und der „Gräfin Mariza“ (1924). Trotzdem steht diese Operette im Schatten der beiden Letztgenannten, „weil sie den Ruf hat, dass sich die Autoren mit ihr bloß an den Erfolg der „Mariza“ und der „Csárdásfürstin“ dranhängen wollten“, wie Regisseur Thomas Enzinger erzählt. „Das aber halte ich für Unsinn. „Die Zirkusprinzessin“ ist ein großartiges Stück, das nur deshalb nicht zu den zehn bis zwölf meistgespielten Titeln zählt, weil ihm die Theater unterstellen, weniger bekannt zu sein. Wenn sie es aber nie spielen, kann es auch nicht bekannt werden. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“ Umso mehr weiß Thomas Enzinger zu schätzen, dass die Volksoper „Die Zirkusprinzessin“ in einer Neuproduktion wieder in den Spielplan nimmt. „Sie ist genau das richtige Haus dafür. Man muss die Operette ernst nehmen, wie man das an der Volksoper pflegt. Operette ist Hochglanz, gerade die Werke von Kálmán. Es sind große, personalintensive Stücke. Das zu stemmen tun sich kleinere Häuser natürlich schwerer.“
Vor zwei Jahren erst war Thomas Enzinger, diesem Connaisseur der leichten Muse, der mit Staunen machender Phantasie, treffsicherem Geschmack und großem handwerklichem Geschick den alten Zauber vieler Operetten neu erstrahlen lässt, ohne sie dabei museal aussehen zu lassen, mit Kálmáns „Gräfin Mariza“ an der Volksoper erfolgreich. Für Begeisterung sorgte damals auch Astrid Kessler in der Titelpartie, die nun als Fürstin Fedora nach Wien zurückkehrt. „Ich wollte sie unbedingt in der Besetzung haben, schon bei der „Mariza“ und nun bei der „Zirkusprinzessin“ erst recht“, sagt Thomas Enzinger. Und er streut seiner Hauptdarstellerin Rosen: „Ich finde, Astrid Kessler ist eine ganz große Diva unserer Zeit, im positiven Sinn des Wortes.“ Wer sich an die „Gräfin Mariza“ zurückerinnert, wird das bestätigen: Die Sopranistin, die dem Ensemble des Nationaltheaters Mannheim angehört, wo sie quer durchs Repertoire Erfolge feiert, zuletzt etwa als Rachel in „La Juive“ in der Regie von Peter Konwitschny, hat all das, was man sich von einer großen Operetten-Interpretin erwartet. Sie singt hervorragend, ist extrem ausdrucksstark im Spiel, hat Charisma und obendrein noch Sexappeal. „Operette erfordert eine enorme Vielschichtigkeit der Darsteller. Nur gut zu singen ist zu wenig, das schauspielerische Können muss gleichwertig sein“, umschreibt Thomas Enzinger das Anforderungsprofil. „Operette wird oft unterschätzt. Ich ärgere manchmal meine Kollegen von der Oper, weil ich Operette als die schwierigere Herausforderung empfinde. Das Tempo, der Rhythmus, das muss alles in den Dialogen weitergeführt werden. Bei der Oper kann immer die Musik retten. Und ich kenn’ den Vergleich, da ich auch Oper inszeniere.“ Astrid Kessler pflichtet ihm bei: „Auch ich halte die Operette für sehr schwierig. Natürlich kann man sie auch einfach nur runterspielen. Aber um es gut zu machen, braucht es viel Feingefühl, für das Timing ebenso wie für die Partner.“

SITUATIONEN WIE IM LEBEN
„Die Zirkusprinzessin“ spielt zunächst in St. Petersburg. Hinter der Maske des geheimnisvollen Artisten Mister X, der mit seinem tollkühnen Sprung von der Kuppel herab auf den Rücken eines Pferdes die Attraktion des Zirkus ist, verbirgt sich ein junger russischer Adeliger, dessen Onkel, Fürst Palinsky, ihn enterbte, weil er sich in dessen schöne junge Frau Fedora verliebte, ohne ihr diese Liebe allerdings zu bekennen. Fedora ist mittlerweile Witwe, kann sich der Verehrer kaum erwehren, von denen es die meisten auf ihr Vermögen abgesehen haben. Einer davon, Prinz Sergius, will sich für die Zurückweisung an Fedora rächen. Er stellt ihr Mister X als Prinz Korossow vor. Tatsächlich verliebt sie sich in ihn, und als der Zar Fedoras Wiederverheiratung anordnet, um ihr Vermögen dem Staat zu erhalten, geben sie sich das Jawort. Da geht die Intrige des Prinzen auf, denn zur Hochzeit gratulieren dem vermeintlichen Korossow auch die Kollegen aus dem Zirkus. Fedora ist blamiert, sie möchte keine „Zirkusprinzessin“ sein. Daher trennen sich zunächst ihre Wege, doch in Wien, wo das Buffo-Paar seine Wurzeln hat, finden sie schließlich zueinander.
Mehrere Vorbilder schimmern bei diesem Handlungsgerüst durch, Millöckers Bettelstudent etwa, was die Intrige des Prinzen anlangt, aber auch „Die lustige Witwe“ in Bezug auf Fedoras Stand und Vermögen. Und natürlich denkt man an „Die Csárdásfürstin“ und an „Gräfin Mariza“, in denen echte oder vermeintliche Standesunterschiede die Liebe gleichfalls auf die Probe stellen. Auf die Frage, ob solche Handlungsklischees zum Rezept einer erfolgreichen Operette einfach dazugehören, reagiert Thomas Enzinger leidenschaftlich: „Das sind keine Klischees! Das sind Lebenssituationen! Natürlich haben sich die Autoren des Erfolgs früherer Werke erinnert und die Geschichte in anderer Form neu erzählt, was ich aber durchaus legitim finde.“ Dass diese Operetten auch heute noch ein Publikum begeistern, obwohl es feudale Standesunterschiede längst nicht mehr gibt, führen Astrid Kessler und Thomas Enzinger darauf zurück, dass ihre zentralen Themen – Liebe, verschmähte Liebe, Macht und Machtverlust – auch heute noch berühren. „Das sind tiefe menschliche Emotionen. Diesbezüglich haben wir uns nicht verändert“, sagt Thomas Enzinger, und Astrid Kessler ergänzt: „Ich glaube, dass die Operette, vielleicht sogar das Theater generell, vom Eintauchen in andere Welten und Zeiten lebt. Es bringt wahrhaftiges Leben unter vorgestellten Umständen auf die Bühne.“ „Genau“, hakt Thomas Enzinger ein. „Daher bin ich auch fest davon überzeugt, dass heutiges Theater nicht zwangsläufig in heutigen Kleidern daherkommen muss. Allein schon durch unsere heutige Art des Spielens und durch die Bearbeitungen ist es modern. Das bleibt auch so, wenn wir die Stücke in der Zeit belassen, in der es die Autoren angesiedelt haben.“

OHRWÜRMER
Stichwort Dialoge: Diese pflegt Thomas Enzinger fast immer zu bearbeiten, um „eine Geschichte zu verdichten“, wie er sagt. „Nehmen wir Prinz Sergius: Ich verstehe ihn nicht als die verblödete Figur, als die er oft gespielt wird, sondern als jemanden, der Erotik hat, von dem aber auch eine Gefahr ausgeht. Er vermengt Politik mit Privatem. Und da brauchen wir zur Zeit nicht weit zu blicken, um zu sehen, wie ähnlich er manchen Populisten von heute ist.“ Auch für Astrid Kessler sind die Dialoge enorm wichtig, um einer Figur ein Profil zu geben. „Die Gesangstexte geben diesbezüglich oft nicht so viel her“, sagt sie. Schon als Mariza hat sie Mut bewiesen, indem sie an ihr auch Facetten zeigte, die in den weichgespülten Operettenproduktionen der 1960er- und 1970er-Jahre als unpassend empfunden worden wären. Eine Mariza etwa durfte nur gut und edel erscheinen, dunklere Facetten waren verpönt. Doch indem Astrid Kessler auch solche anklingen lässt, werden ihre Figuren wahrhaftig und bekommen obendrein Tiefenschärfe. Wie sieht sie die Fedora? „Sie nimmt zunächst alles auf die leichte Schulter und versucht, ihr Leben zu genießen, innerhalb der ihr gesetzten Grenzen. Sie ist zwar reich, aber in ihrer Lebensführung absolut nicht frei. Das ist schon eine starke Männergesellschaft, in der sie lebt.“ „Aber sie ist stark und selbstbewusst“, gibt Thomas Enzinger zu bedenken. „Trotzdem: nachdem beide Männer, der Prinz und Korossow, ihre Rache vollzogen haben, ist sie gesellschaftlich ruiniert. Auch dass er ihr seine Identität verschwiegen hat, trifft sie sehr.“
Musikalisch zählt „Die Zirkusprinzessin“ zum Besten, was Kálmáns Feder entsprungen ist. Wobei es nicht nur die Ohrwürmer wie „Die kleinen Mädel im Trikot“ oder „Wenn du mich sitzen lässt, fahr ich sofort nach Budapest“ sind, in denen sich Kálmáns Genie offenbart. Verblüffend ist auch, wie er verschiedene musikalische Genres miteinander verbindet, wenn er etwa in „My Darling, my Darling, muss lieb sein wie du“ einen Walzer fast unmerklich in einen Foxtrott übergehen lässt. „Ich bin ein Kálmán-Fan“, schwärmt Thomas Enzinger. „Was mir an ihm so gut gefällt ist, dass sich die Figuren weiterentwickeln. Das ist anders als bei Lehár, der eher Situationen abwandelt. Bei Kálmán sind die Figuren immer sehr am Leben dran.“
Der Wiener Thomas Enzinger, der „Schauspiel studiert und anfangs auch viel Theater gespielt hat, um später Regisseur zu werden“, war übrigens mit der „Zirkusprinzessin“ schon einmal erfolgreich, 2006 in Baden. Doch seine Volksopern-Inszenierung wird kein Remake, sondern etwas völlig Neues sein. „Die Produktion in Baden ist lange her. Man entwickelt sich weiter, und ich denke, dass ich temporeicher geworden bin, noch feiner in der Arbeit und in der Personenführung.“ Er inszeniert zwar auch Schauspiel und Oper, aber dem musikalischen Unterhaltungstheater gehört seine große Leidenschaft. Daher ist es nur gut und richtig, dass Thomas Enzinger ab 2017 Intendant des Lehár Festivals in Bad Ischl wird. Dort hat er dann auch die Möglichkeit, für die Operette zu kämpfen, die er an manchen Häusern – nicht an der Volksoper, aber in Deutschland – eher stiefmütterlich behandelt sieht. „Man spielt sie zwar, weil man hofft, ein volles Haus zu haben, überträgt sie dann aber der zweiten Garde und spart auch noch beim Budget. Das ist grundfalsch. Gerade in die Operette muss man Geld reinstecken und die besten Sänger und Darsteller holen. Alles andere ist Verrat am Publikum.“

Peter Blaha



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