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Das neue Stück „Nur Nachts“ von Sibylle Berg wird durch Niklaus Helbling am Akademietheater uraufgeführt. Die Star-Autorin über das Theater, das Leben und die Liebe. |
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Ein neues Leben anfangen mit Mitte vierzig, geht das? Die ganze, auf faule Kompromisse gebaute, versaute, Existenz ablegen und noch einmal durchstarten möglichst mit einer neuen Liebe, kann das gut gehen? Viele träumen davon, die wenigsten tun es. Peter und Petra in Sibylle Bergs neuem Stück Nur Nachts, das von Niklaus Helbling am Akademietheater zur Uraufführung gebracht wird, riskieren es. Die beiden, die sich auf einer Stehparty kennen gelernt haben, wollen den Traum vom „romantischen Neuanfang“ realisieren.
Purgatorium. Doch statt im Glück, finden sie sich zunächst in einem Horrorfilm wieder, denn wie im Blockbuster Terminator fallen vor die Wohnungen Peter und Petras plötzlich zwei Geister, die den diabolischen Auftrag haben, diesen Neuanfang zu sabotieren und überhaupt alles zu verhindern, „was die Welt zu einem freundlicheren Ort machen könnte“. Und damit beginnt eine Art groteskes Lehrstück der Liebe, denn die beiden Agenten des Unheils arbeiten nur nachts und dies in der psychodelischen Form von heimtückischen Alpträumen, in denen sie die beiden Protagonisten durch das Purgatorium ihrer Ängste jagen, vor Versagen und Armut etwa, um ihnen alle Lust auf ein neues Leben gründlich auszutreiben.
„Lehrstücke stelle ich mit Vorliebe her“ sagt Sibylle Berg sardonisch, „besonders, weil man die Lehren im Anschluss gerne wieder vergessen kann. Ich zweifle an der Lernfähigkeit unserer Rasse, mich selber eingeschlossen. Es geht um die Verhinderung eines angenehmen Zustandes, den die Protagonisten fast selber zu verantworten haben. Es ist dabei austauschbar, ob es sich um Liebe handelt oder etwas anderes, was einem wohl täte. Menschen können sich das Leben hervorragend unangenehm machen.“
Der Teufel. Aber im Stück sind es ja die Geister, die das Leben der beiden zum Horrorfilm machen. Wer sind diese Spukgestalten eigentlich? „Die Geister sind der Teufel, das Böse, der Teil in uns, der verhindert, der ruft: bleib sitzen, ändere deine Gewohnheiten nicht, lerne nicht von Frau Bergs Lehrstücken, bleib träge. Die Trägheit ist der erklärte Feind des Menschen, der sein Hirn füllt mit vorgefertigten Bildern, mit Medienmeinungen, die er nachplappert. Dieser geisterbesessene Mensch orientiert sich ausschließlich an Bildern, die nicht seine sind, er redet nicht in Originaltönen, er verkleidet sich, er ist erwachsen und tot.“
Bestseller. Die beiden Romantiker im neuen Stück könnten im übrigen direkt aus einem Roman der 1962 in Weimar, DDR geborenen Star-Autorin entsprungen sein, die 1984 in den Westen wechselte, im Tessin eine Clownschule besuchte, die sie mangels Talent abbrach und dann in Hamburg „lauter Saujobs“ machte, weil sie „nichts konnte“, aber schon damals reich werden wollte, um in die Schweiz, genauer nach Zürich ziehen zu können, was sie 1995 verwirklichte, „zwar noch nicht reich, aber schon ein bisschen berühmt“, denn sie hatte in der Zwischenzeit als Journalistin und Kolumnistin Kult-Status erreicht. 1997 schaffte sie den Durchbruch als Autorin gleich mit ihrem ersten Roman Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, der zum Bestseller avancierte. Im letzten Herbst ist ihr letzter, der mittlerweile sechste Roman bei Hanser erschienen: Der Mann schläft. Seit der Jahrtausendwende hat Sibylle Berg auch ein paar Theaterstücke wie etwa Hund Frau Mann geschrieben, das 2002 am Burgtheater im Kasino zu sehen war. Auch in ihren Stücken fängt sie die Hölle auf Erden ein, die sie sonst in ihren Romanen akribisch beschreibt. Der Impuls dazu, erzählt sie, kam ganz einfach aus der „Freude daran, etwas zu versuchen, von dem ich keine Ahnung hatte.“
Erlebnis. Was bedeutet das Theater für Sibylle Berg ganz allgemein? „Theater ist das Medium für Menschen, die zu faul zum Lesen sind. Starker Satz, stimmt aber nicht ganz. Das Theater kann ein prachtvoller Ort des kollektiven Erlebens sein. Falls der Besucher nicht einschläft. Bücher sind leise, Theater laut. Im gelungenen Fall schafft man ein Erlebnis, intellektuell und optisch. Alles ist möglich, am Theater, wie im Buch, nur leider findet zuwenig ALLES statt.“
In der Aufführungspraxis ihrer Stücke zeigt sich von Bochum über Zürich bis jetzt nach Wien eine Spur von Uraufführungen, die auf eine Verbundenheit der Dramatikerin Berg mit dem Intendanten Matthias Hartmann im allgemeinen und dem Regisseur Niklaus Helbling im besonderen weist, der ja auch das neue Stück aus der Taufe hebt. „Herr Hartmann war der erste, der mir die Möglichkeit des Ausprobierens gegeben hat, das verbindet. Niklaus Helbling war vor seinem Wechsel ins Regiefach Dramaturg, und hat mir in der ersten Zeit durch kluge Fragen viel über das Funktionieren von Theater beigebracht.“
Glück. Und damit landet das Interview wieder beim neuen Stück, in dem die Protagonisten doch noch eine Chance für ihr neues Leben bekommen, denn die beiden Sabotage-Agenten entpuppen sich wie Mephisto als „die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Diese Andeutung eines möglichen Glücks überrascht bei Sibylle Berg und verbindet Nur Nachts mit dem neuen, großartigen Roman Der Mann schläft, in dem die weibliche Hauptfigur, eine in die Jahre gekommene Autorin von Gebrauchsanweisungen auch zunächst für das Leben und die Liebe verloren scheint. Sie hat sich als herzhafte Misanthropin eingerichtet in einer Art ‚krisenfestem Elend’, angeekelt bis in die Fußspitzen von der „überwältigenden Einfalt und Niedertracht der Menschen“. Doch dann erlebt sie mit dem Mann, der nicht immer schläft, doch noch die große Liebe. Das verblüfft auch hier. Denn bis jetzt hat sich Sibylle Berg ein schillerndes Image als Fachfrau für das Grauen, als schonungslose Chronistin unseres Alltagshorrors und des herrschenden Beziehungselends erarbeitet, in dem die Liebe regelmäßig in den Abgründen zwischen Frau und Mann verloren geht. Hat eine Schubumkehr ihres Schreibens eingesetzt? Hat Frau Berg das Prinzip Hoffnung entdeckt? „Wollen Sie mich beleidigen?“, wird sie energisch, „Hoffnung ist etwas, das Versicherungen verkaufen. Der positive Mensch weiß, dass es in einem Leben, das mit dem zügigen Tod endet, keine Hoffnung gibt. Es geht mir nicht um Liebe, sondern um die Verhinderung von Hass.“
Liebe. Doch in den Interviews zum neuen Roman hat Sibylle Berg immer wieder davon geredet, dass es ihr auch um eine andere Idee von Liebe geht als das immer wieder Klischee von der überwältigenden, wilden, das Leben erschütternden Leidenschaft. Was ist das für eine Idee? „Liebe ist eine Königsdiziplin, die beinhaltet, dass man sich selber realistisch als Idioten einschätzt, der froh ist, wenn ein anderer Idiot mit ihm seine Zeit verbringt. Liebe ist familiär, behaglich, ist, und da schließt sich der Kreis wieder, strapazierendes Brechen mit Gewohnheiten. Das diktierte Bild in unserer Gesellschaft besagt, dass Liebe mit Sex zu tun hat. Sex ist schnell, Sex ist Vermehrung, Sex ist Kapitalismus. Liebe ist klein, leise und anstrengend.“
Diese andere Idee von Liebe steckt auch hinter dem neuen Stück. Peter ist vor dem Aufbruch ins neue Leben wie die meisten Romanfiguren Frau Bergs „erfüllt vom abschnürenden Begreifen, dass er sein Leben nicht mit den Bildern, die er davon hatte, in Einklang bringen“ kann. Er hat „alles falsch gemacht“, das „halbe Leben verschwendet“ und Petra wurde kein „besserer Mensch“ als die anderen, wie sie träumte, sondern sie hat vor dem Neustart die Angst vor allem „so steif werden lassen, dass man sie problemlos als Pflock in die Erde treiben könnte“. Beide sind sie fassungslos, dass sie „so nichts“ werden konnten und in einem „dummen Job“ verkümmern.
Illusionen. Handelt also das Lehrstück Nur Nachts auch davon, dass die beiden sich von den falschen Vorstellungen und Illusionen über ihr Leben verabschieden müssen und sich in ihrer Durchschnittlichkeit und Langweiligkeit annehmen? „Ja, so ungefähr“, nickt Sibylle Berg, „das Paar ist so mittelmäßig, wie es neunzig Prozent der Menschen nun mal sind. Das ist keine Wertung, sondern die Bevölkerung. Wenn man das akzeptiert und seinen Frieden damit macht, ist es einem auch vergönnt, einen nicht so brillanten Partner sehr gern zu haben.“
Dann bleibt zum Schluss nur noch die Frage, ob Sibylle Berg zur Uraufführung nach Wien kommen wird? „Selbstverständlich, falls mein Flugzeug nicht von einem Idioten gesprengt wird“.
Lothas Lohs
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